Glosse Tierisch gut?

Dogs in the HafenCity

Text: Jens Gruber
Illustration: Andreas Homann

Ein Hundeleben in der HafenCity ist nicht immer leicht. Sie heißen Gucci, Coco oder Conchita, tragen Designerschleifchen und Halsbänder von Swarovski oder Cartier. Sie sind onduliert, pedikürt und massiert. Und zur Erholung von ihrem Premium-Alltagsstress werden sie zu einem „Dogwalker“ gebracht, der sich täglich um genügend Frischluft und Auslauf kümmert.

Ulrich Schramm ist so ein „Dogwalker“. Mit Gewerbeschein, darauf legt er viel Wert. Seit drei Jahren geht er hauptberuflich Gassi. Angefangen hat er mit zwei Hunden, inzwischen hat er bis zu 15 Hunde an der Leine. Das Geschäft floriert. An diesem Vormittag ist sein Rudel klein: „Aber sechs ist ein gutes Rudel. Gut zu organisieren“, strahlt der 42-Jährige, Ex-Werber einer großen Hamburger Agentur, ansässig in der HafenCity. Wenn er den Zeigefinger hebt, reicht das schon aus, um den wohlbehüteten Vierbeinern zu zeigen, wer hier das Kommando hat. Anders als im alten Job zieht er die Leinen stramm und bringt die Hundegruppe mit einer kurzen Anweisung diszipliniert zum „Sitzen“. „Hier geht es nicht um Verkehrserziehung bei Kindern – links schauen, dann rechts und noch mal links –, hier geht es um Hundeerziehung“, sagt Ulrich Schramm mit Nachdruck und gibt mit einem Klick noch mal zwei Meter Flexi-Leine frei.

Ulrich Schramm ist ein glücklicher Hundeführer, doch ein Problem hat er schon: die HafenCity! „Die Hunde fühlen sich nur dann entspannt, wenn ich mit ihnen ins Grüne gehe“, erklärt er und schaut sich kritisch um. Nach einer kurzen Überlegung sprudelt es aus ihm heraus: „Diese Klötzchen-Architektur, die den letzten grünen Quadratmeter mit Häusern zuballert, ist nichts für die Vierbeiner. Und der Lohsepark ist ein echter Witz. Das ist ein Lego-Park, hier kann ich die Hunde nicht von der Leine lassen. Was sich die sogenannten Städtebauer dabei gedacht haben, übersteigt meine Vorstellungskraft. Eine echte Zumutung für Hunde – kein Baum fürs Geschäft, keine Auslaufmöglichkeiten. Und dann noch diese Touristen, die ständig die Wege verstopfen. Sie lassen mir und meinen Hunden keinen Platz.“

Während Ulrich Schramm seinem Frust freien Lauf lässt, zieht und zerrt ihn seine Hundemeute in Richtung Elbphilharmonie. Die Lautesten aus der Gruppe, ein Pinscher und ein Mops, bellen einen einsamen Touristen an, der sofort die Straßenseite wechselt.

„Wenig los heute. Es liegt am Wetter“, sagt erleichtert der „Dogwalker“ und versucht währenddessen einhändig in einen Kotbeutel zu greifen, um eine dampfende Hundewurst einzutüten. In der Tat wirkt die HafenCity im windigen Niesel entmenschter als Rimini nach der Saison. Fiese Fallwinde ziehen über die Bürgersteige und Designschnickschnack-Plätze. Auch die architekturinteressierten Eltern sind nicht zu sehen, die ihre fußmüden Kinder durch die Straßen scheuchen. Keine Rucksacktouristen auf roten Leihfahrrädern und auch keine Anzugsträger, denen der Wind den Latte-macchiato-Schaum auf die Krawatte bläst. Die HafenCity ist leer und trist und gerade deshalb ist es ein guter Tag für Ulrich Schramm, denn so kann er schnell zu seinem Auto gelangen.

„Bevor ich den alten VW-Bus hatte, bin ich 30 bis 35 Kilometer am Tag gegangen“, erzählt er mit stolzem Blick auf sein Gefährt, das er gegen seinen ehemaligen Firmenwagen eintauschte. „Ich kann doch den Hunden diese unwürdigen Zustände hier nicht zumuten, deswegen fahre ich mit ihnen an die Elbe oder in die Harburger Berge, da können sie sich richtig austoben“, sagt er zum Abschied und verstaut Hunde und jede Menge schwarze Hundekotbeutel im Auto. Schade nur, dass die Hunde ihren Besitzern am Abend nicht erzählen können, was sie Tolles erlebt haben.

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