Glosse Talent

Dikurspop und Kurtaxe

Die Bezeichnung Hamburger Schule steht für intelligenten deutschsprachigen Pop. Doch die Hamburger Schule kommt nicht aus Hamburg – in Wahrheit war der Kurort Bad Salzuflen die Talentschmiede dieses Phänomens

Text: Heiko Behr
Illustration: Andreas Homann

 

Alles nimmt dort seinen Anfang, wo schon viele Re­volutionen geplant und wieder verworfen wurden: in der Raucherecke auf dem Schulhof. Dort steht Bernd, der Sohn des Tierarztes. Und trifft auf Frank, den Sohn eines Pensionsbesitzers. Bernd spielt in einer Punkband. Frank hat einen Kassettenrecorder. Hier wächst zusammen, was zusammengehört. „Und außerdem hat er vorher in der Schul-Aula Mundharmonika gespielt“, ergänzt Bernd. „Und ich dachte, jemand, der Mundharmonika spielt, der wird ja nicht so arrogant sein.“ Völlig richtige Einschätzung von Bernd. Frank ist alles andere als arrogant. Er ist ein netter, zurückhaltender Typ, er trägt eine John-Lennon-Brille, er ist ein Musiknerd. Und als er auf den extrovertierten, zielorientierten Bernd trifft, wird klar: Die beiden ergänzen sich. Sie leihen sich Mikrofone, Equipment, dann nehmen sie gemeinsam Bernds Musik im Jugendzentrum auf. Das ist er, der Ursprungsmythos der „Hamburger Schule“, einer der einflussreichsten Musikbewegungen der 1990er-Jahre in Deutschland, „Blumfeld“, „Tocotronic“, „Die Sterne“ – Diskurspop, man kennt das. Diese Ursprünge spielen sich allerdings gar nicht in Hamburg ab, sondern in Bad Salzuflen. Wo?

Bad Salzuflen ist ein Thermal-Kurort, Kreis Lippe, Nordrhein-Westfalen, 53.000 Einwohner. Einflugschneise für erschöpfte Arbeiter aus dem Ruhrgebiet, die sich hier erholen. Kein glamouröser Ort, heute nicht, in den 70ern erst recht nicht. Abgeschnitten von allem, was man nur im Entferntesten Popkultur nennen könnte.

Bernd wechselt die Schule, er lernt Achim und Michael kennen. Und dann Frank und Bernadette. Und schon ist die Keimzelle der sogenannten „Hamburger Schule“ beisammen. Die man natürlich korrekterweise „Bad Salz­uflener Schule“ nennen könnte. Aber das klingt natürlich etwas muffig. Da wären also im Verpuppungszustand: Bernd Begemann, Achim Knorr, Michael Girke, Frank Spilker, Bernadette Hengst und Jochen Distelmeyer. Und natürlich Frank Werner. Er hält die Truppe zusammen, denn er hat das Equipment. (Er soll sich angeblich monatelang nur von Wasser und Haferflocken ernährt haben, um noch mehr darin investieren zu können.) Frank zieht mit seiner Technik in eine 40-Quadratmeter-Garage, irgendwo im Wald bei Bad Salzuflen. Drei Räume, ein Aufnahmeraum, eine Schlagzeugkabine, ein Abmischraum. Dort werkeln alle vor sich hin, helfen sich, unterstützen sich. Jeder hat so seine eigenen Ideen. Was sie eint: Es sind deutsche Texte. Keine wolkige Liebeslyrik, kein Schulenglisch. Sie singen über die kleinen, nahen Themen, die sie betreffen. Ein Haufen Jungs. Und ein Mädchen. Bernd erinnert sich: „Rückblickend bin ich so froh, dass sie dabei war. Ich meine, wie furchtbar ist eine Szene, wo nur Jungen sind. Das ist echt grauenhaft.“ Klar, dass er das so sieht. Die beiden werden bald ein Paar. Bernadette im Rückblick: „Ich hab das nicht so richtig wahrgenommen, dass ich das einzige Mädchen bin. Also damals hatte ich keine Idee von Feminismus oder so.“ Auch das wird sich bald ändern.

Bad Salzuflen, ein „Hippie-Kollektiv“

Aber jetzt arbeiten noch alle zusammen, Frank Spilker nennt das heute „Hippie-Kollektiv-Idee“: „Es war halt irgendwie auch hip. Vor allen Dingen in der Situation, wo einige der Songschreiber gar keine Band hatten – also Bernd Begemann hatte nämlich zu der Zeit keine Band, Michael Girke nicht. Sozusagen die Ressourcen der anderen mit zu nutzen. Das heißt, wir haben unsere Musiker durcheinander gewürfelt.“ Frank Werner schmeißt hier eine Idee ein und dort. Und er nimmt alles auf – mit Kassettenrecordern. „Ein Produkt der Werner-Klangforschung“ – das steht auf den Kassetten der Clique. Denn so heißt die Garage jetzt: „Klangforschung“.

Bis heute hat Bernd einen Feind aus dieser Zeit, es ist ein Song: „New York, Rio, Tokyo“ von Trio Rio. Eine deutsche Band, die sich weit weg träumt, ein Riesenhit, in den 80ern. Bernd: „Mein Gefühl war: Unsere Umgebung ist so viel seltsamer als alles, was in Tokio passieren könnte.“ Und weil Bernd nicht nur der Älteste ist, sondern ihm so langsam auch alles zu eng wird und er den Traum, ein Rockstar zu werden, hat, quetscht er sich mit Frank Werner in ein winziges Auto und gurkt den langen Weg nach Hamburg. Er hat eine Audienz bei Alfred Hilsberg, einem seinerzeit legendären Journalisten und Chef vom Zick-Zack-Label. Er prägte den Begriff „Neue Deutsche Welle“, er förderte Bands wie „Die Einstürzenden Neubauten“, „Palais Schaumburg“ und „Abwärts“. Dieser Mann hört sich das Zeug von Bernd an, und ignoriert es. „Er geruht es nicht rauszubringen“, so nennt Bernd das. Frustriert tritt er mit Frank den Heimweg an. Tschüss, Popkarriere.

In der „Klangforschung“-Garage breitet sich Trotzstimmung aus bei allen Beteiligten. Jetzt erst recht. Auf eigene Faust, nach eigenen Regeln. Total Indie! Den Begriff gibt es damals noch nicht, aber: Das ist das Prinzip. Die Lösung? Eigenes Label gründen. Der Name kommt angeblich von Michael Girke: „Fast Weltweit“. Ein Kassettenlabel. Bernd, logo, findet das alles etwas „zu bescheiden“. Er muss raus – und geht nach Hamburg. Er gründet die Band „Die Antwort“. Und bekommt prompt einen Vertrag bei einem großen Label. Und auch die anderen aus der Clique zieht es weg aus Bad Salzuflen.

Intellektuell, wortreich und auf Deutsch

Aber auch wenn sie jetzt quer verteilt durchs Land wohnen, in Berlin, in Hamburg, in Hannover: Zu den „Berlin Independence Days“ reisen sie geschlossen an. Eine Musikmesse, auf der Bands und Indie-Labels sich präsentieren – und natürlich auf den großen Durchbruch hoffen. Bernd, mit den wie üblich auf Pointe gebürsteten Erinnerungen: „Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich mit den anderen über die Berliner Straßen ging – Berlin war ja noch geteilt zu der Zeit, aufregend, Berlin war eine Insel und rundherum lauerte der Russe. Das gefiel mir.“ Drama, Tragik, Komik, Bad Salzuflen weltweit.

Ein Jahr vor der Wende ist das „Café Swing“ ein wichtiger Treffpunkt der Westberliner Musikszene. Bundesweite Ausstrahlung. Angeblich sitzen Talentscouts wichtiger Plattenfirmen hier rum und belauern sich, das Publikum und die Bands. Hier spielt die Weltweit-Clique, drei Tage lang kriegt jeder seinen Platz auf der Bühne. Und so erinnern sie sich, der Reihe nach. Bernd: „Ich glaub nicht, dass wir viel Begeisterung geerntet haben. Paar Leute meinten, ah, lustige Provinztypen, die über ihre Scheißprovinz singen, dabei ist Andy Warhols ‚Factory‘ doch viel aufregender. Blöde Arschlöcher. Keine Scheißahnung von gar nichts.“ Bernadette: „Wir wurden belächelt.“ Und schließlich Frank Spilker: „ Das war die allerhärteste Ablehnung von gerade diesem deutschsprachigen Kram, das war halt Berlin, Kreuzberg.“ Zusammengefasst: Es lief nicht optimal. Diese Leute aus der Provinz, sie waren ihrer Zeit voraus. Natürlich, sie klingen noch etwas unausgereift, sie sind noch auf der Suche. Aber sie haben Talent, das steht fest. In Berlin, bei den „Independence Days“, geht diese Geschichte der Anfänge zu Ende. Der „Fast Weltweit-Sound“, der ja so unterschiedlich ist, dass man ihn gar nicht griffig zusammenfassen kann, er wird abgelehnt. Alle reisen wieder zurück in ihre Wohnorte.

Frank Werner hängt die Musik an den Nagel. Michael Girke wird Filmkritiker. Achim Knorr kommt in Köln während des Studiums mit Comedy in Kontakt, und bleibt dabei. Bernd Begemann ist als One-Man-Show der Vorreiter der Hamburger Schule. Jochen Distelmeyer erfindet sich radikal neu, er wird mit seiner Band „Blumfeld“ einer der prägenden Songwriter seiner Generation. Frank Spilker gründet „Die Sterne“ und entdeckt den Funk. Bernadette Hengst landet bei der einflussreichen Band „Die Braut haut ins Auge“. Sie alle werden bald unter dem Begriff „Hamburger Schule“ zusammengefasst.

Eine Frage bleibt aber noch: Warum Bad Salzuflen? Wieso hat die „Hamburger Schule“ gerade in dieser unscheinbaren und biederen Kurstadt ihren Ursprung? Lag es an der sauberen Luft, am gesunden Wasser oder geheimnisvollen Vibrationen der westfälischen Provinz? Oder war es nur ein schnöder Zufall? Die Frage bleibt bis heute ganz im Sinne von Bertolt Brecht unbeantwortet: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

HAMBURGER SCHULE
ist keine hanseatische Bildungsinstitution oder eine philosophische Lehre, sondern ein Genre der deutschen Popmusik. Erfunden wurde der Begriff vom ehemaligen taz-Journalisten Thomas Gross. Die Markenzeichen der Musikströmung sind ein von Punk inspirierter Gitarrenrock, der literarische Umgang mit der deutschen Sprache sowie gesellschaftskritische Texte. Die Hauptvertreter sind: Bernd Begemann, „Blumfeld“, „Die Sterne“, „Die Braut haut ins Auge“ und „Tocotronic“.

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