Einfach machen!

Die Macher

Eigene Produkte am Computer entwerfen, diese einfach dreidimensional ausdrucken und damit selbstbestimmt leben – die Protagonisten der „Maker“-Bewegung möchten mit Hilfe neuer Technologie Konsumenten in Produzenten verwandeln. Das passende Werkzeug für die heimische Produktion gibt es bereits: den 3D-Drucker.

Text und Interview: Greta Janz
Foto: Susanne Baumann

 

Alle Fans der Science-Fiction-Serie „Star Trek“ kennen ihn: den „Replikator“. Das Wundergerät lässt wie aus dem Nichts dreidimensionale Objekte entstehen. Ob der von Captain Picard so geliebte Earl-Grey-Tee, Ersatzteile für das Raumschiff „Enterprise“ oder neue Kleidung – der „Replikator“ tönt leise und sofort erscheint der bestellte Gegenstand. Seit einigen Ja­hren wird diese Fiktion langsam zur Realität: 3D-Drucker erzeugen jeden nur denkbaren Gegenstand. Schicht für Schicht entsteht ein beliebiges Objekt aus Kunststoff oder anderen Materialien. Aus Bits werden greifbare Gegenstände. Eine faszinierende Technik, dachten sich viele Hacker und Bastler. Weil die professionellen 3D-Drucker teilweise so viel wie ein Eigenheim kosteten, entwickelten sie ein Gerät für den Hausgebrauch. Der sogenannte „RepRap“ (der Name steht für Replicating Rapid-prototyper) war der erste 3D-Drucker für jedermann. Vor sechs Jahren kam er auf den Markt. Etwa 500 Euro kosten die Bauteile. Alle Pläne und Bauanleitungen stellten die Entwickler kostenfrei ins Internet. Einen Teil der Bauteile kann der „RepRap“ sogar selbst drucken. Mittlerweile ist der 3D-Drucker zum Symbol für das professionelle Basteln, für die Subkultur der sogenannten „Makers“ geworden.

„Die ‚Makers‘ sind Erfinder, die in ihrer Freizeit mit Metall, Holz, Elektronik und Computersoftware arbeiten. Sie bauen Roboter, fliegende Drohnen oder Kunstobjekte. Ihre Motivation ist der Spaß am Selbermachen, der Wille, Technologie zu verstehen, Lust darauf, die eigene Umgebung selbst zu gestalten und allgemein Kritik an der Wegwerfgesellschaft. ,Do it yourself‘ ist der Kern der Bewegung“, erklärt Axel Theilmann. Der 30-jährige IT-Berater ist der Vorstand des Hamburger Vereins „Makerspace Attraktor“. In Hamburg gehören etwa 500 Menschen zu der „Maker“-Szene. Sie treffen sich regelmäßig in der „Offenen Werkstatt“ des Vereins in Altona und
bei verschiedenen Veranstaltungen des „Makerspace Attraktor“.

Dabei ist der Austausch sehr wichtig. Was die „Maker“-Bewegung von reinen Erfindern oder Künstlern unterscheidet, ist das Verlangen, sich mit anderen Gleichgesinnten auszutauschen. Und dabei geht es nicht nur um die Erfindung selbst, sondern auch um deren Entwicklung. Die Geschichte, die dahinter steckt.

Als Geburtsdatum der „Maker“-Bewegung wird oft das Jahr 2005 genannt. Da erschien erstmals das US-Magazin „Make“. Die Zeitschrift ist mittlerweile so etwas wie das Zentralorgan der Szene. Sie erscheint vierteljährlich und veranstaltet auch seit einigen Jahren weltweit die sogenannten „Maker-Faires“ – also Messen, auf denen „Makers“ ihre Produkte ausstellen. Selbst einige afrikanische Länder sind inzwischen mit dabei.

Die größte deutsche Messe fand im August 2013 mit rund 80 Ausstellern und über 4.000 Besuchern in Hannover statt. Ein buntes Publikum kam in die Halle des Congress Centrums Hannover: Nerds mit langen Haaren und schwarzen T-Shirts, ältere Heimwerker, jugendliche Bastler und ganze Familien, die ihre Erfindungen zeigen, Tipps und Tricks austauschen oder einfach nur staunen wollten. Die Auswahl der Ausstellungsobjekte reichte von individualisierten iPhone-Hüllen über Nippes, Ersatzteile und Kleinkunst bis hin zu filigranen Plastikkleidern.

Chris Anderson, der ehemalige Chefredakteur des Technologie-Magazins „Wired“, sieht bereits eine Zeit nahen, in der jeder Haushalt mit einem 3D-Drucker ausgestattet ist.

Für Anderson wäre das eine Demokratisierung der Industrieproduktion. In seinem Buch „Makers – Das Internet der Dinge“ skizziert er eine Welt, in der Waren unabhängig von Konzernen erzeugt werden – ähnlich, wie man heute in Blogs und sozialen Netzen ohne die Hilfe von Verlagen publizieren kann. Schon jetzt gibt es in den USA Internetmarktplätze wie „Etsy“ oder „Quirky“, auf denen „Makers“ ihre Produkte anbieten – von Schmuck bis zu elektronischen Teilen ist alles vertreten. Optimisten meinen, die Makers könnten sogar das Ende der Billigproduktion in asiatischen Ländern einleiten, weil die heimische Produktion der „Do-it-yourself-Avantgarde“ nicht nur individualisierter, sondern auch billiger würde.

„Wenn jetzt Amateure in der Lage sind, ihre eigenen Hersteller, ihre eigenen Produzenten zu werden und eben auch physische Dinge herzustellen, dann übersteigt das wahrscheinlich die Möglichkeiten der digitalen Revolution noch um ein Vielfältiges“, sagt Chris Anderson optimistisch in seinem Buch.

Der Hamburger Axel Theilmann ist da vorsichtiger: „Ob 3D-Drucker für den Hausgebrauch sich zu ernsthaften und massentauglichen Produktionsalternativen entwickeln werden, steht noch in den Sternen. Derzeit können die günstigen Geräte nur relativ kleine Objekte aus Kunststoff herstellen, und das schneckenlangsam. Ich halte auch die euphorischen Erwartungen hinsichtlich der Demokratisierung der Technik für überzogen. Es kann ja sogar sein, dass es in der Zukunft zu einer Konzentration kommt und wir uns in die Abhängigkeit neuer Big-Player begeben. Das Internet hat ja gezeigt, dass Firmen wie Google, Facebook oder Amazon das Netz beherrschen.“

Er kann sich aber gut vorstellen, dass 3D-Technik schon bald individualisierte, funktionstüchtige Geräte hervorbringen kann. Es gibt bereits Drucker, die zwei oder drei Materialien kombinieren, die festes Material und elastisches Material zusammen drucken können. Damit wurde beispielsweise eine funktionstüchtige Querflöte ausgedruckt mit Ventilen und allem, was dazugehört.

 

CCC_Kurz

„Die Zurückeroberung von Technik“

Interview mit Constanze Kurz vom Chaos Computer Club über die Möglichkeiten des digitalen „Do it yourself“

Sie ist Informatikerin und arbeitet als wissenschaftliche Projektleiterin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin: Constanze Kurz. Außerdem ist Kurz Sprecherin des Chaos Computer Clubs und technische Sachverständige der Enquête-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestags. ACHT sprach mit ihr über die Möglichkeiten der digitalen „Do it yourself“-Idee.

Wie wichtig ist der Gedanke „Do it yourself“ in der digitalen Welt?
Sehr wichtig. Ich glaube grundsätzlich, dass das Bauen, Basteln, etwas selbstständig herstellen eine Art Zurückeroberung von Technik ist. Es ist nicht nur Spaß, der in der Freizeit stattfindet, sondern auch eine bewusste Aneignung der Technik. Denn heute haben wir viele tolle Interfaces, aber nur wenige Menschen schauen unter die Oberfläche. „Do it yourself“ ist ein sehr elementarer Gedanke in der durchtechnisierten Welt, in der wir leben.

Können neue Technologien wie zum Beispiel der 3D-Drucker die Konsumenten selbstbestimmter machen?
Ja, ich denke schon. Die 3D-Technik wird in der nahen Zukunft auf vielen Ebenen ganz interessant sein, weil diese Technologie immer günstiger wird. Damit könnten aus Konsumenten Produzenten werden. Es gibt ja jetzt schon viele Plattformen, auf denen Muster und Programme ausgetauscht werden können. In den vergangenen Jahren ist eine richtige 3D-Community entstanden.

Welche gesellschaftlichen Folgen könnte diese Entwicklung haben?
Das eigentliche Problem heute ist ja, dass die meisten Menschen die eigene Umgebung nicht wirklich verstehen und beherrschen. Die Menschen benutzen ständig technologische Lösungen, die sie nicht wirklich begreifen. Und die „Makers“, aber auch viele andere digitale Bastler sind so eine Art Gegenbewegung. Sie wollen diese Zusammenhänge verstehen. Sie wollen wissen, was die Geräte machen, wie sie funktionieren, sie wollen sie modifizieren. Das ist eine großartige Emanzipation.
Und nebenbei gesagt: Es macht einfach Spaß, Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Führt das Wissen „Wie es geht“ zu einer neuen Mündigkeit der Menschen?
Auf jeden Fall. Außerdem kann ein neues Gemeinschaftsgefühl entstehen. Gerade in der „Maker“-Szene spielt der Gedanke der Kooperation eine sehr große Rolle. Die Leute treffen sich, tauschen sich aus und bauen Sachen zusammen. Da­bei entsteht auch eine gemeinschaftliche Dynamik, die in unserer Zeit, in der überall abgeschlossene Systeme und Vereinzelung vorherrschen, eine ganz tolle Erfahrung ist.

 

DIE „MAKER“-SZENE
is
t eine stetig wachsende internationale Graswurzelbewegung, die den „Do it yourself“-Gedanken auf die aktuelle Technik überträgt. Aus Lust am Selbstmachen und aus Spaß am Umgang mit Technik treffen sich die „Makers“ in den sogenannten „Makerspaces“: Werkstätten, die Platz und Ausstattung für neue Projekte bieten. Dabei steht der Austausch von Informationen und Wissensvermittlung im Vordergrund. Die meisten „Maker“ sind Amateure: Schüler, Studenten oder Hobby-Bastler.
Weitere Infos zur Hamburger „Maker“-Szene:
blog.attraktor.org

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