Achtung, Nachbarn

„Die Teilnehmer spiegeln die Situation in der Welt wider“

Tausende Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten in Hamburg angekommen sind, sollen die deutsche Sprache erlernen. Die gestiegene Nachfrage stellt Anbieter von Integrations- und Deutschkursen derzeit vor echte Probleme. Angelina Stern, die das Zentrum für Deutsch als Fremdsprache der Hamburger Volkshochschule leitet, berichtet aus dem Alltag.

Interview: Marga Lang
Fotografie: Julia Knop

 

ACHT: Neben dem Eingang der Volkshochschule steht auf einem Schild, dass die Deutschkurse ausgebucht sind. Was bedeutet das für Leute, die die Sprache lernen wollen?
Angelina Stern: Dass sie nicht auf eine Kursberatung zu warten brauchen, weil wir bis Mai keine Plätze mehr haben. Für Interessenten ist es frustrierend, zwei Stunden zu warten, um dann gesagt zu bekommen, dass die Kurse voll sind. Deshalb informieren wir darüber. Viele Leute warten aber trotzdem.

Welche Kurse betrifft das?
Wir haben mit den Standardkursen ein Angebot, das die Stufen von A1 bis C2 abdeckt, das für jeden offen ist, also auch für Flüchtlinge. Auch die Integrationskurse und die Erstorientierungskurse für Flüchtlinge sind ausgebucht, weil wir ein sehr hohes Aufkommen haben.

Integrationskurse sind für Flüchtlinge aber nicht freiwillig.
Nein, das ist ein Regelprogramm, das auch vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert wird.

Wie viele Menschen kommen in die Beratung des Zentrums für Deutsch als Fremdsprache (DaF)?
In der Woche in den zwei Beratungsstellen in der Schanze und in Harburg um die 700 Leute.

Wer bietet in Hamburg solche Deutschkurse an?
Für Integrationskurse gibt es derzeit 40 Träger – und es sollen noch zehn weitere zugelassen werden.

Ist das eine gute Nachricht?
Prinzipiell ja, der Bedarf ist sehr hoch.

Sprache gilt als Schlüssel zu allem. Fühlen Sie sich für Integration verantwortlich?
Wichtig ist mir, dass wir den Leuten die Möglichkeit bieten, einen Kurs zu besuchen. Deshalb sind wir bemüht, unser Angebot auszubauen. Dabei müssen wir professionellen und qualitativ hochwertigen Unterricht anbieten. Wir haben aber ein Ressourcenproblem, weil unsere hoch qualifizierten Kursleitenden uns zum Teil verlassen, weil Schulen bessere Konditionen bieten können.

Inwiefern sind die Bedingungen dort besser?
Schulen bieten sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse, wir hingegen stellen die Kursleitenden nicht ein. Sie arbeiten bei uns als Honorarkräfte. Dadurch, dass der Bedarf an Schulen jetzt groß ist, wandern sie ab. Das stellt uns vor das Problem, dass wir das Kursangebot nicht weiter ausbauen können. Wir versuchen eher die Lücken zu schließen, die entstehen. Das ist im Moment unser Handicap.

Lehrer für Deutsch als Fremdsprache gelten als nicht so gut bezahlt. Wie viel bekommen sie bei Ihnen?
Wir bezahlen mit 26 Euro die Unterrichtsstunde besser als der Durchschnitt der Träger. Nur gibt es keinerlei Absicherung für die Kursleitenden: Wenn sie krank werden, verdienen sie nichts. Sie müssen ihre Krankenversicherung und Rente selbst zahlen. Sie müssen also viel arbeiten, um über die Runden zu kommen. Das ist nicht angemessen, wenn man sieht, was von ihnen erwartet wird.

Was müssen sie können?
Wenn man in einem Kurs mit 20 Menschen unterschiedlichster Nationen zusammensitzt, braucht ein Kursleiter in Deutsch auch eine hohe interkulturelle Kompetenz. Man muss so viel koordinieren und die Leute zügig ans Ziel bringen.

Ist das Nadelöhr der Mangel an Lehrkräften oder die Finanzierung?
Dass die Leute nicht angemessen bezahlt werden, hängt mit der Finanzierung zusammen, das heißt, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert die Kurse mit einem Stundenkostensatz, der nicht ausreichend ist, um ein angemessenes Honorar zu zahlen.

Ist der aktuelle Bedarf an Deutschlehrern auch eine Chance, dass der Beruf aufgewertet wird?
Natürlich, es wird ja jetzt gesehen, wie wichtig der Beruf ist. Es muss aber auch wahrgenommen werden, dass nicht jede/r ihn ausüben kann. Das ist ein Beruf, den man lernen muss. Sonst haben wir qualitativ minderwertige Kurse und das zeigt sich dann auch beim Ergebnis.

Nehmen nur Flüchtlinge an diesen Kursen teil?
Nein, der Kreis der Berechtigten ist groß, zum Beispiel Personen aus anderen EU-Ländern. Wir hatten schon immer eine hohe Nachfrage. Natürlich ändern sich die Zielgruppen je nachdem, wie die politische Lage ist: Gibt es im Süden Europas Probleme, wie während der Finanzkrise, ist die Zuwanderung aus dem Süden im Vordergrund. Jetzt haben wir viele Flüchtlinge. Die Kursteilnehmer spiegeln die Situation in Europa und der Welt wider.

Vermitteln Sie in einem Integrationskurs auch die deutsche Kultur?
Natürlich wird Sprache im Kontext vermittelt. Im Lernprozess werden verschiedene Handlungsfelder aus dem Leben in Deutschland behandelt. Da erfährt man viel über den Alltag, die Sitten und Bräuche, die hier herrschenden Werte, den kulturellen Rahmen, die Geschichte Deutschlands, man lernt, wie dieses Land tickt.

 

DAS ZENTRUM FÜR DEUTSCH ALS FREMDSPRACHE (DaF) DER HAMBURGER VOLKSHOOCHSCHULE
versteht sich als Bildungsprogramm für alle MigrantInnen in Hamburg und möchte dazu beitragen, die Chancen von MigrantInnen zu verbessern und gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen. Das Angebot besteht aus Deutschkursen aller Stufen (A1 bis C2), Intensiv- und Integrationskursen (A1 bis B1) und DaF-Prüfungen (A1 bis C2), zudem berufsbezogene Deutschkurse im Rahmen des ESF-BAMF-Programms.
DaF-Zentrum in Mitte, Schanzenstraße 77, 20357 Hamburg, Tel: 040.42841-3238, E-Mail:

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