Unterwegs

Die Kunst, die Kunst in Bewegung zu setzen

Mobile Kunst hat ein facettenreiches Œuvre hervorgebracht, das unserer rastlosen Welt einen adäquaten künstlerischen Ausdruck verleiht. Auch in den Arbeiten vieler Hamburger Künstler sind nomadische Momente sehr prägend. Das Unterwegssein wird von ihnen praktisch genutzt, um außerhalb des Ateliers mit spielerischer Gestaltung, Humor und tiefgründigem Ernst faszinierende Werke zu erschaffen.

 

Text: Wolf Jahn
Fotografie: Cornelia Sollfrank/net.art-generator.com

 

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kam Bewegung in die Kunst. Die Futuristen begeisterten sich für den neuen, beschleunigten und motorisierten Verkehr, für Automobile, Eisenbahnen und Flugzeuge. Mit ihm feierten sie die Erlösung wie Ablösung von der alten, ihnen verhassten, in Museen und Kirchen verstaubten Kunst mit ihren Marien- und anderen religiösen Darstellungen. Wer heute einen Blick auf eine 20-Cent-Münze aus Italien wirft, erkennt darauf die Skulptur „Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum“ des Futuristen Umberto Boccioni. Es war der Versuch, den Zeitraum eines Menschen beim Fortschreiten als Skulptur zu fassen. Der russische Konstruktivist Naum Gabo ließ indes einen Metallstab rotieren, dessen Schwingungen sich in den Raum ausbreiteten und den Künstler vom immateriellen Kunstwerk träumen ließ. Bewegung schließlich auch durch die Künstler. Marcel Duchamp fertigte von seinem Gesamtwerk Miniaturen an, packte sie in einen Koffer, die so genannte Boîte-en-Valise (Schachtel im Koffer) und schuf damit ein mobiles Miniaturmuseum.

Seit den 1960er-Jahren hat sich der Trend zum mobilen Künstler verstärkt. Nun müssen nicht mehr die Kunstwerke automobil, kinetisch oder sonstwie in sich beweglich sein. Künstler und Kunstwerk verwandeln sich stattdessen in moderne Nomaden, die aus den Museen und Galerien ausziehen, um bei ihren Streifzügen und Wanderungen durch die Welt temporäre Spuren zu hinterlassen. Land-Art-Künstler erklärten die Landschaft zur Galerie, hinterließen Spuren, die die Zeit wieder verwischt. Andere suchten sie, wie Nikolaus Lang, der Spurensucher, der wie ein Archäologe Alltagsgegenstände ausgräbt, sortiert, archiviert und konserviert.

Wiederum andere misstrauten dem Reisen, indem sie reisten, ohne es zu bemerken. 16 Tage lang war Jochen Gerz in einem komplett verdunkelten Abteil der transsibirischen Eisenbahn unterwegs. Ob er je gereist ist, bleibt sein ungelüftetes Geheimnis. Als einzige Spur seiner Reise blieben die Abdrücke seiner Füße auf Schieferplatten, die er mit auf seine Reise mitnahm. Von einer ganz anderen Reise, der Weltraumreise, träumte Charles Wilp, der in den 1960er- und 1970er-Jahren mit spektakulären Werbekampagnen, unter anderem für Afri-Cola, auf sich aufmerksam machte. Sein Traum, als „Artonaut“ in den Weltraum zu reisen, um dort die Schwerelosigkeit als höchste Kunstform zu zelebrieren, blieb jedoch unerfüllt. Wohl aber konnten von ihm entworfene Kunstblätter, die „Orbital Elements“ mit ins All fliegen. Suchte er nach weiteren Inspirationen zog er in ein mobiles, UFO-förmiges Rundhaus auf dem Dach seines Hauses, das vom finnischen Architekten Matti Suuronen entwickelte „Futuro“.

Im künstlerischen Nomadentum macht sich die Krise des modernen Subjekts bemerkbar. Der Künstler ist heimatlos geworden. Die Bindung an die eigene, zu klein gewordene Heimat ist wie eine Fessel, und so wird Ruhelosigkeit zum inneren Motor seiner Kunst. Noch lebt der Ruf des „Go West“, der Drang aufzubrechen um des Aufbrechens willen. Und wer das Leben als Dauerreise versteht, braucht sein eigenes mobiles Domizil, wie es etwa die Amerikanerin Andrea Zittel mit ihren transportablen, autonomen Wohneinheiten für ein Individuum, den „Living Units“, entwarf. In den 1990er-Jahren hatte sie einen Projekt­raum in New York eingerichtet, in dem sie die Ess-, Schlaf-, Bekleidungs- und Waschgewohnheiten seiner temporären Bewohner erforschte. Der Mensch befindet sich in permanenter Mobilität – sie ist nicht nur ein Reflex auf den historischen Aufbruch in die Neue Welt, sondern auch Ausdruck einer Suche nach neuem, mobilem Wohnen im Zeichen der aktuellen Globalisierung.

Ende des letzten Jahrtausends fertigte der Hamburger Künstler Florian Borkenhagen einen riesigen Kopf an, ein Selbstporträt aus Holz, um ihn für zwei Jahre auf einem Containerschiff rund um die Welt auf Reisen zu schicken. „Travelahead“, der Name seines Projekts, lud in Häfen und fremden Ländern Schreiber ein, sich in seinen Kopf zu setzen und Texte zu verfassen. Mobilität zeichnet auch viele andere seiner Kunstwerke aus. Die Werkgruppe „Transsakrales“ setzt sich aus lauter kleinen transportablen und mobilen Heiligkeiten zusammen, unter anderem einer Tragekirche, dem Hochsitz Hochamt oder einem imposanten und begehbaren Babel-Turm.

Ebenfalls in Hamburg lebt und arbeitet Per Schumann, wie Borkenhagen ein Absolvent der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Oft aber ist er auf Reisen. Mit seinem „mobiletable-kitchen-cart“ kutschiert Schumann durch New York oder Istanbul, um dort in Form einer Kitchen Guerilla nicht nur zum Essen, sondern auch zu Vorträgen und Konversation einzuladen.

Großen Einfluss auf die neuen Nomaden hatte der Schweizer Lucius Burkhardt (1925–2003) mit seiner Lehre von der Promenadologie, der Spaziergangswissenschaft. Spazieren ist ein Durchwandern von Landschaften, natürlichen wie urbanen, die immer wieder neu entdeckt werden können, nicht nur die klassischen Idyllen, Flusstäler oder Parkanlagen, sondern auch andere, bislang kaum wahrgenommene Stadt-, Zivilisations- oder industrielle Gelände. Was auffällt bestimmt das geschulte Auge und der Blickwinkel, nicht das Objekt des Gesehenen. In der Gegenwart erkannte Burkhardt eine neue promenadologische Herausforderung, bedingt durch die großen Veränderungen der tradierten Landschaften. Aber auch die Neuerschließung bekannter, ästhetisch bereits geformter Landschaften bot sich an. Auf diese Situation reagierten viele Künstler. Das Durchstreifen von Landschaften schuf zahlreiche Möglichkeiten, sie sich neu anzueignen, sie anders wahrzunehmen oder sie auf ihre Geschichte hin zu untersuchen.

1992 gründete der Hamburger Künstler Till Krause die Galerie für Landschaftskunst, in deren Namen er und wahlverwandte Künstler neue Formen der Geländeerkundung unternehmen. Krause durchquert Städte und ihre Peripherien, Landschaften und Kontinente. Dabei leiten den an den Kunsthochschulen in Hamburg und Braunschweig ausgebildeten Künstler weniger Fragen der Ästhetik, vielmehr solche, die sich mit dem Gebrauch, der „Verwertung“ und Struktur von Natur, Landschaft und Stadt auseinander setzen. Mit seiner „Hamburg-Kartierung“ unternahm er den Versuch, die gängigen und bekannten Kartografierungskriterien durch alternative zu ersetzen. Wie in Düsseldorf, wo er die Stadt nach ihrer Lichtverteilung von Hell und Dunkel erforschte, fand auch hier der Versuch statt, den urbanen Raum nach anderen als den üblichen Kriterien einzuteilen und zu ordnen. Eine Zahnbürste kann ebenso zu einem urbanen Klassifizierungssystem zählen wie Straßen, Kanäle oder Bahnhöfe. Für dieses künstlerische Erforschen und Bestimmen der Umwelt ist die neue Mobilität eine der grundlegenden Voraussetzungen.

Eine andere Form von Mobilität ermöglichten die neuen Kommunikationswege, zunächst in Form des traditionellen Postverkehrs, der aber erst in den 1960er-Jahren den Status seiner globalen Vernetzung erreicht hatte. Daraus wurde die Idee der weltweit agierenden Mail Art geboren. Sie war der Versuch, klassische Institutionen der Kunstvermittlung wie Museen oder Galerien zu umgehen und damit einen direkten und ortsunabhängigen Austausch zwischen Künstlern, virtuellen Personen, aber auch Nicht-Künstlern und Publikum zu etablieren. Spätestens mit der Etablierung der Net Art, die das Internet nutzt, ist Mail Art jedoch Teil der Kunstgeschichte. Mit dem Internet ergaben sich nun zahlreiche neue Möglichkeiten, etwa die Einrichtung rein virtueller Museen. Möglich aber wurde auch die aktive Beteiligung des Publikums an der Kunstproduktion.
Cornelia Sollfrank, Hamburger Netz-Künstlerin und Theoretikerin, beschäftigt sich mit Net Art bereits seit den 1990er-Jahren. Noch heute kann man über eine ihrer Einrichtungen selbst ein Kunstwerk schaffen beziehungsweise generieren lassen. Auf der Website net.art-generator.com lässt sich „Generators“ anklicken und der „Image Generator“ wählen. Dort gibt man einen beliebigen Begriff wie „Tulpe“ oder „Liebe“ ein und ordert ein Kunstwerk. Nun sucht der Generator nach entsprechenden Bildern im Internet, um aus den gefunden Motiven ein neues Bild zu erzeugen.

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