Einfach machen!

Die Honigmacherin

Agnes Flügel hat dem Rummel der Großstadt den Rücken gekehrt und sich für ein Leben als Imkerin auf dem Lande entschlossen. Im Interview erzählte sie von ihrer Entscheidung, ihrem Leben als Imkerin und natürlich von ihren Bienen.

 

Interview: Pawel Sprawka
Fotografie: Silke Goes

 

Waren Sie heute schon bei Ihren Bienen?
Da Sie auf meinem Grundstück stehen, bin ich heute schon bei ihnen gewesen.

Und wurden Sie heute gestochen?
Nein. (lacht) Ich werde zum Glück gar nicht so oft gestochen.

Seit wann sind Sie in der Imkerei tätig?
Seit 2005. Damals ist mir die Imkerei sozusagen in den Schoß gefallen. Es gab einen tatsächlichen Zusammenstoß mit einem alten Imker: Bei einer Fahrradtour in der Nähe unseres Ferienhauses an der Ostsee hat mich ein älterer Herr mit seinem Auto unabsichtlich in den Graben geschubst. Mir ist aber zum Glück nichts passiert. Er hat mir sofort geholfen. Es stellte sich heraus, dass er Imker war. Er hat mir anschließend seine Bienen gezeigt, und so fing es bei mir mit der Imkerei an.

Wie kommt es, dass Sie einfach beschlossen haben, selbst Honig zu produzieren?
Zu dieser Zeit habe ich bei einem Hamburger Online-Unternehmen gearbeitet. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das Online-Geschäft für mich zu schnelllebig ist. Das hat zu einer inneren Unzufriedenheit geführt und ich fühlte ganz deutlich, dass ich etwas anderes machen muss. So gesehen war das Treffen mit dem Imker fast schicksalhaft. Zwei Jahre später habe ich beschlossen zu kündigen und seitdem widme ich mich ganz und gar der Imkerei. Ich wohne jetzt mit meinem Mann und meinen Bienen nördlich von Eckernförde. Der Flecken heißt Immenhorst. Übrigens: Der Ortsname passt sehr gut, denn Imme ist ein altdeutsches Wort für Biene.

Und wie war der Beginn?
Wie gesagt: Der alte Imker, der mit der Zeit mein Ersatzgroßvater geworden ist, hat mich in die Imkerei eingeführt. Ich habe ihn wöchentlich besucht und ihn bei seiner Arbeit begleitet. Er hat mir alles gezeigt und beigebracht. Parallel dazu habe ich einen Imkerkurs beim Hamburger Imkerverein besucht. Es war aber in erster Linie learning by doing. Mein Ersatzgroßvater hat dann 2009 seine Imkerei aufgegeben und hat mir seine Bienenvölker geschenkt.

Welche Fähigkeiten braucht man, um erfolgreich Bienen züchten zu können?
Man braucht auf jeden Fall die Liebe zur Natur. Das ist logischerweise die Grundvoraussetzung. Man muss auch gut mit sich selbst klarkommen, weil die Imkerei eine einsame Tätigkeit ist. Man arbeitet ja nicht mit anderen Menschen zusammen, sondern hat nur summende Kollegen. (lacht) Auch eine gewisse Körperkraft ist notwendig, zum Beispiel um die Bienenstöcke zu bewegen. Und man sollte auch einfallsreich sein, denn die Imkerei ist ein altmodisches Gewerbe. Und wenn man mit den Bienen seinen Lebensunterhalt verdienen will, muss man sich auf jeden Fall neue phantasievolle Wege hinsichtlich des Marketings und Vertriebs ausdenken, um den Honig verkaufen zu können.

Dauert es lange, bis man das Imkern beherrscht?
Eigentlich ein Leben lang. (lacht) Ich lerne immer noch. Aber bis man einen so einigermaßen sicheren Blick für die Zusammenhänge der Imkerei bekommt, braucht es schon so circa vier Jahre. Man muss einfach die Jahreszyklen einige Male erleben. Und auch die unterschiedlichen Wetterbedingungen oder die verschiedenen Floragegebenheiten, die einen umgeben. Ich fühle mich manchmal immer noch als Laie, wenn ich einen alten Imker treffe, der mir von seinen Erfahrungen berichtet. Im Vergleich zu solchen Leuten bin ich noch ein junger Hüpfer.

Wie verläuft denn so ein Imkerjahr?
Abhängig davon wie viele Bienenvölker ich habe, muss ich im Winter das Material für die Saison vorbereiten, zum Beispiel Rähmchen oder auch Bienenkästen. Wichtig ist, dass die Bienen im Herbst genug Bienenfutter bekommen haben, um damit den ganzen Winter bis zum Frühjahr auszukommen. Meist fahre ich nur zwischen Januar und März weg und dann muss immer mal jemand nach dem Rechten schauen, falls es Stürme gibt und die Deckel der Bienenstöcke weggeweht werden oder es lange schneit und die Fluglöcher dicht sind. Ab März geht es dann mit der Arbeit an den Bienen los: Ich kontrolliere alle Bienenstöcke, ob sie eventuell kaputt sind, und tausche Waben aus, die sich schon zu lange im Bienenstock befinden. Es folgen mögliche Reparaturmaßnahmen. Parallel dazu kümmere ich mich um die Vermarktung, das Honigabfüllen oder die Honigverschickung. Im Frühjahr muss ich auch die Imker- oder Lebensmittelmessen, die ich besuchen muss, einplanen. Dann suche ich noch in meiner Umgebung gute Plätze für die Bienen aus. Zum Beispiel schöne Raps-, Löwenzahn- oder Kleefelder. Ich spreche mit den Grundbesitzern, ob ich dort die Bienenstöcke hinstellen kann. Und dann beginnt die Saison im März und steigert sich bis Juni, Juli. Ab September wird es dann ruhiger. Und ab Herbst sowieso.

Muss man seinen Urlaub nach den Bienen richten?
Ja, klar. Ich könnte immer herrlich von Januar bis März Urlaub machen. In dieser Zeit passiert nämlich wenig. Diese Möglichkeit nutze ich aber zu wenig. (lacht)

Und wie viel Honig erzeugen Ihre Bienen im Schnitt?
Ganz unterschiedlich. Es ist davon abhängig, wo sie stehen und welche Blüten sie finden. Wenn man keine Wanderimkerei hat, kann man in Norddeutschland nur zweimal im Jahr schleudern, weil es klimatisch nicht anders möglich ist. Und im Durchschnitt sind das 60 bis 80 Kilogramm pro Bienenvolk.

Sind Bienen in der Haltung teuer?
Es kommt darauf an, in welchem Umfang man die Imkerei betreiben will. Wenn man ein oder zwei Bienenvölker im Garten hat, ist das nicht teuer. Ein Bienenvolk kostet mit allem drum und dran etwa 150 Euro. Dann muss man noch etwas für die Ausstattung, Kleidung etc. ausgeben. Die Kosten bleiben aber überschaubar. Aber sobald man mehr Bienenvölker hat, steigern sich die Kosten. Man braucht mehr Kästen, Rähmchen, eine größere Schleuder usw. Ich habe zum Beispiel eine Abfüllmaschine, die normalerweise kein Hobbyimker braucht, die einiges gekostet hat. Wenn man die Imkerei professionell betreiben will, muss man auf jeden Fall in technische Gerätschaften investieren, und das kann teuer sein.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf?
Was ich großartig an meiner Tätigkeit finde, ist die Selbstbestimmtheit. Ich kann meine Ideen und Vorstellungen in meinem Sinne umsetzen. Auch die Vielfältigkeit ist toll: Ich arbeite draußen in der Natur, muss aber zugleich Tätigkeiten wie die Organisation der Arbeit oder Marketing im Büro erledigen. Diese Kombination gefällt mir sehr gut.

Und was fasziniert Sie an Bienen?
Bienen … (lacht laut) Es sind unglaublich faszinierende Tiere. Bienen sind für mich die Urzelle von allem Leben. Bienen gibt es schon seit über 50 Millionen Jahren auf der Erde und sie haben sich seitdem nicht verändert. Die Evolution hat eine perfekte Kreatur geschaffen. Und die Pflanzenwelt, die uns umgibt, haben wir eigentlich nur den Bienen zu verdanken. Die ganze Menschheit hat seit ihrem Urbeginn die Bienen und Bienenprodukte als etwas Einzigartiges geschätzt. Diese Faszination ist auch der Antrieb für meine Imkerei. Ich möchte, dass die Bienen von den Menschen mehr Wertschätzung erfahren.

Es gibt immer weniger Bienen. Welche Ursache hat das Bienensterben?
Es sind verschiedene Gründe. Die industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen, den Pestiziden und anderen Pflanzenschutzmitteln ist ein Hauptfaktor. Aber auch die Globalisierung spielt eine Rolle. Parasiten wurden nach Europa eingeschleppt, die es früher bei uns nicht gab und die für die Bienen sehr schädlich sind. Und schließlich liegt es auch an einigen Imkern, die immer leistungsstärkere Biene züchten wollen und dadurch die Bienen degenerieren. Zum ersten Mal seit Millionen von Jahren steht es um die Existenz der Bienen ganz schlecht.

Wie sehen die Folgen des Bienensterbens aus?
Es gibt ja dieses berühmten Zitat, das angeblich von Einstein stammen soll: „Wenn die Bienen von der Erde verschwinden, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Es stimmt: Ohne Bienen keine Pflanzen, ohne Pflanzen keine Tiere, ohne Tiere keine Menschen. Die gesamte Nahrungskette wäre zerstört.

Hatten Sie auch mit Bienenkrankheiten zu kämpfen?
Ja, einmal. Sonst habe ich aber bis jetzt keine Kata­strophen erlebt. Man kann sich aber mit verschiedenen Techniken ganz gut vor diesen Krankheiten schützen – vor allem vor der aus Asien eingeschleppten Varroa-Milbe.

Ist Ihr Honig eigentlich bio?
Nein, mein Honig ist nicht bio-zertifiziert. Der bürokratische Aufwand dafür ist zu groß und es kostet auch Lizenzgebühren. Dafür ist meine Honigproduktion zu klein.

Unterscheidet sich das Imkern in der Stadt wesentlich vom Imkern auf dem Land?
Es ist die gleiche Technik, mit der man arbeitet. Der Imker in der Stadt produziert meistens einen Mischhonig, weil die Blütenvielfalt in der Stadt größer ist. Er kann keine reinen Sortenhonige herstellen. Die Stadtimker haben eine bunte Mischung, was aber nicht bedeutet, dass der Honig schlechter schmeckt. Die haben auch nicht so viel Platz für die Bienenstöcke, deswegen können sie gar nicht so viele Völker ausstellen. Aber ansonsten ist ja alles gleich – egal, ob in der Stadt oder auf dem Land.

Welche Honigsorten stellen Sie her?
Vor allem Rapshonig, Sommerblütenhonig und Waldhonig. Ich verfeinere meinen Honig auch mit Gewürzen, um einen besonderen Geschmack zu bekommen. Mit Zimt, Vanille oder getrocknete Minze. In der Weihnachtszeit gibt es einen Lebkuchenhonig. Meine neueste Kreation ist „Flügelchen-Nocciola“: eine Art „Nutella de luxe“, ein Honig mit geröstetem Nussmark, abgerundet mit einer Prise Sylter Meersalz. Sich neue Sorten auszudenken, das macht mir sehr viel Spaß.

Mögen Sie überhaupt noch Honig?
Ja, klar. (lacht)

Und welche Honigsorte mögen Sie am liebsten?
Es sind viele. Ich bringe mir immer aus dem Urlaub Honig mit, den ich hier nicht herstellen kann. Aus Marokko habe ich mir neulich einen Eukalyptushonig mitgebracht. Der ist ganz lecker. Aber ein frischer norddeutscher Rapshonig auf der Schwarzbrotstulle, das ist immer etwas Feines.

AGNES FLÜGEL
ist in Kiel geboren und hat Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg studiert. In Hamburg machte sie in der Medienbranche Karriere, bis ihr eines Tages Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit gekommen sind. Sie wagte die Flucht nach vorn und gründete 2007 die Honigmanufaktur „Flügelchen“. Ihre Honigkreationen verkauft sie mittlerweile bundesweit.
Kontakt: Honigmanufaktur „Flügelchen“, Immenhorst 2, 24369 Waabs
www.fluegelchen-honig.de

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