Achtung, Nachbarn

Die etwas andere WG

Seit November gibt es in der HafenCity eine inklusive Hausgemeinschaft. Vier junge Leute — zwei Studenten und zwei Menschen mit Behinderung — berichten über ihre aktive Nachbarschaft.

Interview: Alessa Pieroth
Fotografie: Julia Knop

 

Eine große grüne Tafel hängt in der geräumigen Wohnküche. Fritz und Marco haben das Relikt alter Schultage aufgehängt, kurz nachdem sie dort eingezogen sind. Jetzt werden an ihr keine Matheaufgaben mehr gelöst, sondern Wochenpläne geschmiedet, die das Zusammenleben der Vierer-WG in der HafenCity regeln. „Uns war von Anfang an klar, dass wir uns besonders strukturieren müssen“, sagt der 28-jährige Marco. „Wir hätten das auch in unsere Kalender reinschreiben können. Aber so können alle gleich sehen, was die Woche ansteht“, findet der 24-jährige Fritz. Seit November 2015 leben die beiden jungen Männer als sogenannte Alltagsbegleiter in Hamburgs erstem inklusiven Wohnprojekt, gegründet von „Leben mit Behinderung Hamburg“, einem Träger der Behindertenhilfe der Stadt. Sie zahlen keine Miete, müssen lediglich für die Nebenkosten aufkommen. Dafür sollen sie einen Teil des Alltags ihrer auf Unterstützung angewiesenen Mitbewohner begleiten – etwa gemeinsam einkaufen, kochen, aufräumen und einen Teil der Freizeit gestalten.

Auf den insgesamt rund 90 neu gebauten Quadratmetern leben außer Marco und Fritz auch noch Glen und Patrick. Der 21-jährige Glen ist in seiner Art auffallend ruhig und zurückhaltend. In seinem Alltag bezieht er die anderen WG-Bewohner nicht so stark mit ein und bleibt lieber für sich allein. Der 32-jährige Patrick hingegen ist stärker auf die Unterstützung seiner Mitbewohner angewiesen. Er hat seit seinem sechsten Lebensjahr eine dystonische Störung: Sein ganzer Körper zuckt unkontrolliert, was ihm das Sprechen, Trinken und Essen erschwert.

„Die Idee ist, dass die Studenten nicht unsere professionelle Arbeit machen, sondern den Freiraum haben, sich wie in einer normalen Wohngemeinschaft zu begegnen“, erläutert Katrin Meyer, die Leiterin der inklusiven Hausgemeinschaft, das Konzept. Eine kleine Elterninitiative hat es zusammen mit der Geschäftsführung von Leben mit Behinderung Hamburg erarbeitet. Meyer und ihr Team setzen den Plan nun in die Realität um.

Das Büro der Pädagogin befindet sich im vierten Stock des Neubaus. Vom Schreibtisch aus kann sie die Hafenkräne sehen. Der kleine Raum hat zwei Türen. Eine führt ins Treppenhaus, die andere direkt in eine Wohngemeinschaft, in der fünf Bewohner mit hohem Hilfebedarf stationär betreut werden. „Das Haus ist so aufgebaut, dass in der Mitte des Stockwerkes die Wohnungen liegen, in denen Menschen mit hohem Hilfebedarf rund um die Uhr betreut werden. In den restlichen fünf von sieben Wohneinheiten leben immer zwei Studenten mit zwei Menschen mit leichten Behinderungen zusammen, die ambulant betreut werden.“ Die insgesamt 19 Zimmer für Menschen mit Hilfebedarf und 10 für ihre Mitbewohner verteilen sich auf drei Stockwerke. Die meisten haben einen eigenen Balkon oder Hafenblick, verfügen über ein eigenes Duschbad und eine Küchenzeile.

Beim Interviewtermin mit Fritz, Patrick, Marco und Glen ist die Stimmung gelöst und herzlich. Obwohl das Projekt „forciert“ und ein „Modell“ ist, wie es Katrin Meyer formuliert, fühlt sich das Miteinander hier überhaupt nicht konstruiert an. Die Stimmung ist locker und entspannt. Marco reicht Patrick einen Strohhalm zum Kaffeetrinken und erzählt vom Flohmarkt der Hanseatischen Materialverwaltung, wo die WG Teile ihrer Einrichtung erworben hat. Patrick findet die Einkaufsmöglichkeiten in der HafenCity zu teuer und offenbart seine Leidenschaft für deutschen Hip-Hop – die Beginner und Samy Deluxe. Gerne erinnert er sich an das Tourneeabschluss-Konzert des Hamburger Rappers im Docks, das er besuchte. Auch über das Flüchtlingsheim, das bald in der HafenCity eröffnet werden soll, unterhalten sie sich. Die vier haben einen Ausflug zur Bürgerversammlung zum Thema „Flüchtlinge“ geplant, angeregt von Marco, der in Lüneburg Politikwissenschaft studiert.

Kontakte zu den anderen WGs wurden bereits geknüpft, beim Basketballspielen auf dem nahen Bolzplatz oder beim Joggen. An Silvester stieg die erste WG-Party mit mehr als 50 Gästen.

Das Projekt läuft gut an. Dennoch schließt Katrin Meyer auch ein Scheitern nicht aus: „Neu ist der Umgang mit den Studenten. Da sind wir noch am Entwickeln. Theoretisch kann es auch sein, dass es überhaupt nicht funktioniert. Dann stampft man es vielleicht wieder ein.“ Ein mögliches Problem sieht sie in der Vereinnahmung der Alltagsbegleiter durch ihre Mitbewohner. Neben der Unterstützung behinderter Menschen achtet Meyer als Leiterin der Hausgemeinschaft auch darauf, dass die Studenten nicht überfordert werden und Aufgaben erledigen, die sie nicht machen müssen.

Tatsächlich wünscht sich Patrick mehr Zeit mit seinen Mitbewohnern. Der 32-Jährige hat zuletzt allein in einer Wohnung in Osdorf gewohnt, in die er mit seiner Freundin eingezogen war. Für das Wohnprojekt in der HafenCity bewarb er sich, weil er sich in seiner alten Wohnung einsam fühlte. Marco und Fritz kennen sich vom Studium und waren schon befreundet, bevor sie in die Shanghaiallee einzogen. Für Meyer ist das ein Grund, hellhörig zu werden. Für die vier Mitbewohner sind das normale WG-Unstimmigkeiten, über die man reden kann. „Paddy ist halt einfach am meisten da, auch am Wochenende. Dadurch ergibt sich vielleicht ein leichtes Ungleichgewicht“, bewertet Fritz die Situation.

Katrin Meyer und die neuen Mieter betonen aber auch immer wieder, dass das Zusammenleben in der Shanghaiallee noch am Anfang steht. Die Flure im Treppenhaus sind noch mit Baustaub überzogen. Hier und da wird laut gehämmert und gebohrt. Das Haus der inklusiven Wohngemeinschaft steht an der Baugrenze. Danach kommt Brachland, denn die HafenCity breitet sich dort noch weiter Richtung Osten aus. Der Bebauungsplan der HafenCity GmbH sieht vor, in den anderen Neubauten ebenfalls soziale Projekte zu integrieren. Es wird auch Raum für andere Träger der Behindertenhilfe geben. Im Netzwerk HafenCity können sich die Anwohner aktiv an der Entwicklung des neuen Quartiers beteiligen. Katrin Meyer sieht das als große Chance gerade für die Bewohner mit Behinderung, von Anfang an den Stadtteil mitzugestalten und sich nicht erst nachträglich mühsam zu integrieren. „Da entsteht noch so viel. Zu sehen, wie das alles zusammenwächst, das wird noch mal sehr spannend.“

 

SHANGHAIALLEE 29
In der Inklusiven Hausgemeinschaft Shanghaiallee wohnen 29 Menschen mit und ohne Assistenzbedarf gemeinsam. Sie gestalten ihren Alltag und unterstützen sich dabei gegenseitig. Es gibt sieben Wohnbereiche, jeder Hausbewohner hat ein eigenes Appartement und zusätzlich mit drei Mitbewohnern einen Gemeinschaftsraum mit Wohnküche. Menschen ohne Assistenzbedarf unterstützen gezielt in einem festgelegten Stundenumfang ihre auf Unterstützung angewiesenen Mitbewohner im Alltag und wohnen dafür vergünstigt. Fachkräfte von Leben mit Behinderung Hamburg arbeiten in der Hausgemeinschaft und unterstützen durch pädagogische Betreuung und Pflegeleistungen.
Inklusive Hausgemeinschaft Shanghaiallee, Shanghaiallee 15–17, 20457 Hamburg

1 Kommentar

  • Es ist gut, dass über die neue Hausgemeinschaft berichtet wird. Leider steht hier aber nur die halbe Wahrheit. Von Inklusion kann insofern nicht die Rede sein, als Menschen mit höherem Hilfebedarf von dieser Wohnform ausgeschlossen sind. Sie haben, wenn sie in der Hausgemeinschaft Shanghaiallee wohnen wollen, nur die Möglichkeit, stationär zu wohnen. D.h. diese behinderten Menschen sind wieder nur unter sich, sie wohnen nicht mit den StudentInnen zusammen und daher gerade nicht „inklusiv“.
    Inklusion ist unteilbar – wenn Menschen auf Grund ihres höheren oder komplexeren Hilfebedarfs ausgeschlossen sind, kann man das Projekt nicht als inklusiv bezeichnen.

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