Unterwegs

Den Moment Leben

Die Hamburger Fotografen Frauke Hänke und Claus Kienle unternehmen seit Jahren Reisen in die ganze Welt und verarbeiten ihre Eindrücke auf ihrem Fotoblog und in ihrer Kunst. Ihre Bilder zeugen von einem sensiblen Gespür für Bildkompositionen und vermitteln das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein. Es sind Momente der Schärfe und Unschärfe des „Unterwegsseins“.

Text: Alessa Pieroth
Fotografie: Frauke Hänke und Claus Kienle

 

Weite Landschaften, feuchte Wiesen, wilde Tiere und ein atemberaubender Ausblick auf die glatte, schwarze Oberfläche eines Sees. Nur die dünne Zeltwand trennt Frauke Hänke und Claus Kienle von der unberührten Natur Lapplands. Sie sitzen auf ihren Isomatten und genießen die Stille, während hinter den Bergen die Sonne untergeht. Schnell nimmt Claus Kienle noch einmal seine Kamera in die Hand und macht ein Foto. Der Moment ist festgehalten für die Ewigkeit. 16 Tage Lappland, 461 Bilder, die man auf ihrem Blog restorapide.de sehen kann.

Vier- bis fünfmal pro Jahr verreisen Frauke Hänke und Claus Kienle. Seit über 20 Jahren erkunden sie zusammen die Welt. 2014 zogen sie fünf Wochen durch Mexiko und haben in Irland und in der Altmark ihr Zelt aufgeschlagen. Anfang November soll es für eine Woche nach Tokio gehen. „Reisen ist für mich Fotografieren“, sagt Claus und schmunzelt beseelt. „Fotografieren ist für mich sammeln“, spinnt Frauke den Gedanken weiter. Wenn die beiden in fremde Länder fahren, dann mit schmalem Gepäck. Bequeme Schuhe, praktische Klamotten, ein Tonaufnahmegerät, ein leichter Computer und eine kompakte Kamera. Die teure Spiegelreflex und Wechselobjektive lassen sie zu Hause.

Das Künstlerpärchen will alltägliche Motive einfangen. Große Apparaturen, die man erst umständlich aus der Kameratasche fummeln und dann montieren muss, sind da nur im Weg.
In den späten 1980er-Jahren treffen Frauke und Claus aufeinander und ihre Biografien beginnen sich miteinander zu verflechten. Sie sind beide Anfang 20, als sie sich beim Fotografie-Studium an der Fachhochschule in Bielefeld kennen lernen. Schnell verlieben sie sich ineinander und unternehmen erste Reisen. Mit dem Motorrad geht es nach Schweden und zum Paddeln nach Kanada. Auf künstlerischer Ebene finden sie erst später zusammen. Frauke sieht ihre berufliche Zukunft als Fotoreporterin, genau wie Claus. Der gemeinsame Professor Gottfried Jäger bestärkt das Paar jedoch, Fotografie künstlerisch anzuwenden. „Bildjournalismus war mir einfach irgendwann zu eingeschränkt. Man muss bestimmte Sehweisen bedienen, wenn man Jobs haben will. Wir machen heute wirklich nur das, was wir gut finden, und nicht das, was gerade angesagt ist“, begründet Frauke ihren Richtungswechsel. „Mit dem großen Ruhm rechnen wir deshalb erst posthum“, fügt Claus augenzwinkernd hinzu.

Die künstlerische Technik, die sie anwenden, nennt sich Gummigrafie. Hier wird in einem siebdruckartigen Verfahren ein Negativ auf Holz oder Stoff übertragen. Die Bildwelt des Künstlerpaares ist monochrom und schimmert orange, grau, grün, rot oder braun. In der Gummigrafie können im Unterschied zum Siebdruck-Verfahren auch Farbabstufungen dargestellt werden. „Vorsicht Schusswaffen“, „Jäger und Sammler“, „Fressen und Gefressenwerden“ waren Titel der Arbeiten von Claus Kienle Anfang der Neunziger. Die Gummigrafien dominierten Abbildungen von Gehirnen, Terroristen und Haien. Frauke Hänkes Werke heißen zum Beispiel „Der Berg ruft“, „Blinde Hühner“, „Alle Vögel sind schon da“. Ihre Arbeiten sind deutlich weicher, eine Spur poetischer als die fast brutalen, nüchternen Abbildungen ihres Lebensgefährten.

Am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn legt das Künstlerpaar noch viel Wert darauf, sich voneinander abzugrenzen. „Uns war immer wichtig, dass wir als Individuen wahrgenommen werden, inzwischen werden wir da weich“, so Claus Kienle. Wenn er etwas sagt, beendet sie manchmal seine Sätze. Wenn sie spricht, hat er selten etwas hinzuzufügen.

Mit der Vermischung ihrer Selbst trat gleichzeitig auch ein neue Distanz in ihr Leben. Zwar zeigen die Arbeiten beider Künstler heute ausschließlich Motive, die auf ihren Reisen entstanden sind, Claus Kienle aber etwa greift heute zur Säge. Er zerstückelt das Holz, auf das er seine Gummigrafien abzieht. Diesen Vorgang sieht er nicht als Zerstörung, sondern als Erweiterung. Während er früher Zahlen auf seine Werke druckte, bestehen diese heute aus mehreren Teilen. Frauke Hänke wiederum wechselt immer häufiger von der Fotokamera zum Aufnahmegerät. Sie hat sich dem „Fieldrecording“ verschrieben, sammelt nicht mehr nur Bilder, sondern auch Geräusche. Ein konsequenter Schritt, denn davor stickte sie bereits alltägliche Wortfetzen in allen möglichen Sprachen auf ihre Bilder. Die Aufnahmen koppelt sie an Fotos oder Gegenstände, zu sehen etwa auf der Homepage des Paares.

Seit zwei Reisen etablieren sie dort ein neues Format, das Soundblog. Fotografien von Claus Kienle werden mit Audioaufnahmen von Frauke Hänke unterlegt. Ein Bild zeigt eine Straße in der Dämmerung Irlands, unterlegt mit dem Geschrei einer Möwe, die sich offenbar bedroht fühlt. Das Motiv gewinnt an Trostlosigkeit, mit diesen unangenehmen Lauten kontrastiert. Die Geräusche hat Frauke Hänke nicht am gleichen Ort aufgenommen hat, an dem das Foto entstand. So zusammengefügt sollen Bild und Audiodatei eine neue Dimension kreieren.

Die Reiseblogs füllen Hänke-Kienle schon unterwegs. Das nimmt oft mehrere Stunden in Anspruch. Eine Auswahl muss getroffen und eine Internetverbindung hergestellt werden. Die nächste Fernreise nach Tokio starten die beiden am 9. November. Etwa drei Tage später kann man mit den ersten Aufnahmen rechnen.

Auch wenn Frauke und Claus viel auf Reisen sind, kultivieren sie das Gefühl von Heimat in Hamburg. Im Jahr 1993, direkt nach dem Diplom, zieht das Paar in die Hansestadt, in eine 46 Quadratmeter große Wohnung. Hier leben die beiden heute noch. „Manche wundern sich, wie wir es auf so engem Raum aushalten. Aber wir sparen lieber die Miete und investieren das Geld in Reisen“, sagt Frauke. In ihrem Zuhause veranstalten sie kleine Kunstausstellungen, die sie „Heim und Herd“ nennen. Bei Häppchen und Wein zeigen sie ihre Werke und holen die weite Welt in die eigenen vier Wände. Für Claus Kienle ist Hamburg der erste Ort, mit dem er sich verwurzelt fühlt. Als Kind wechselte der Offizierssohn alle drei Jahre die Stadt. Heimatlosigkeit stellte sich ein, die er erst in Hamburg ablegte. Wenn Claus und Frauke ihr Zelt in einem fremden Land aufschlagen, dann stellt sich wiederum ein ähnliches Gefühl ein wie in der Wohnung in der Augustenburger Straße.

Sein Wissen teilt das Künstlerpaar auch mit anderen Menschen, in Volkshochschulkursen und in Workshops, die manchmal ihre Ausstellungen begleiten. Da geht es den beiden dann darum, einen spielerischen Umgang mit der Kamera zu vermitteln, mit Perspektiven, Schärfe und Unschärfe zu spielen und mit den Teilnehmern einen eigenen Stil zu entwickeln.

Verheiratet sind die beiden noch nicht. Auf ihrer ersten gemeinsamen Fernreise nach Kanada paddelten sie auf den Bowron Lakes, als sie auf eine alte Frau trafen. Sie stand einfach da, am Ufer, und blickte in die Gegend. Auf die Frage, wie sie denn dorthin gekommen sei, antwortete sie, sie sei zu alt, um Kanu zu fahren, darum sei sie mit dem Wasserflugzeug gekommen. Der Gedanke gefiel Frauke und Claus so gut, dass sie beschlossen, eines Tages, wenn sie beide 65 sind, hierher zurückzukehren, um zu heiraten. Und wenn sie dann schon zu gebrechlich wären, um die Strecke mit dem Kanu zu meistern, dann kämen sie eben auch mit dem Flugzeug. 15 Jahre haben die beiden noch, um ihren gemeinsamen Traum zu erfüllen und die anschließenden Flitterwochen in der kanadischen Wildnis zu planen. Darauf freuen sie sich schon 27 Jahre.

FRAUKE HÄNKE UND CLAUS KIENLE
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eben und arbeiten als freie Künstler in Hamburg. Von 1993 bis 1997 studierten sie an der Fachhochschule Bielefeld bei Prof. Gottfried Jäger Fotografie. Ihre Arbeiten bewegen sich optisch zwischen Drucktechnik, Malerei und klassischer Fotografie. Im Rahmen verschiedener Reisen vollzieht sich in ihren Werken ein wiederkehrender Rhythmus des Bildersammelns, Sortierens und Extrahierens. Neben zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland sind die Arbeiten der beiden Künstler in den Sammlungen zahlreicher Museen zu finden.
www.haenke-kienle.de
www.restorapide.de
www.heimundherd.de

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www.vhs-hamburg.de


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