Tierisch gut?

Auf Safari in Hamburg

Schon als Kind war Uwe Westphal fasziniert von der Natur. Und wenn Uwe Westphal krächzt wie ein Kolkrabe, keckert wie ein Eichelhäher oder trillert wie eine Singdrossel, dann will er damit nicht Eindruck schinden, sondern Interesse und Begeisterung für die Pflanzen- und Tierwelt wecken. ACHT begleitet den leidenschaftlichen Naturfreund auf einer Führung durch die Hamburger „Wildnis“.

Interview: Sandra Kern

Rumpelnd schließt sich die Tür. Ächzend fährt der Bus weiter. Etwa hundert Meter von der Haltestelle entfernt entdecke ich Uwe Westphal. Wie ein Ausrufezeichen hat er sich an der Mündung eines Kiesweges aufgestellt. Um den Hals trägt er ein Fernglas, auf dem Kopf eine Schildmütze und auf der Nase eine Brille, deren Gläser sich im Tageslicht dunkel färben. Wir sind zu einer naturkundlichen Exkursion verabredet.

Hinter dem 57-Jährigen beginnt der Harburger Stadtpark. Vereinzelt stehen hier und da ein paar Bäume auf einer beigen Wiese, bevor sich weiter hinten der Bestand verdichtet. Als Ausläufer der Harburger Berge besticht der Park vor allem durch seine abwechslungsreiche Landschaft. Hier gibt es weite Wiesen, undurchdringbares Dickicht, bewaldete Hügel und miteinander verbundene Teiche. Für Hamburger Verhältnisse ist der Harburger Stadtpark mit 90 Hektar Fläche ein mittelgroßer Park. Der Altonaer Volkspark etwa ist mehr als doppelt so groß.

Uwe Westphal ist promovierter Biologe, Buchautor und Tierstimmenimitator: 200 Tierstimmen gehören zu seinem Repertoire, davon 130 Vogelstimmen. Auftritte als Tierstimmenimitator in Funk und Fernsehen brachten ihm einen gewissen Bekanntheitsgrad ein. Bei den Naturführungen, die er in diesem Jahr auch für die Volkshochschule anbietet, fordern die Teilnehmer immer eine Kostprobe seines Könnens. In der freien Natur setzt Westphal seine Gabe aber nur sehr dosiert ein. „Es muss schon einen didaktischen Sinn haben. Ich ahme Vögel nur nach, damit die Teilnehmer einzelne Stimmen heraushören können.“ Die Vögel mit seinen Gesängen anlocken, das möchte Westphal nicht. „Das würde die Tiere zu sehr verwirren.“

Uwe Westphal stapft voran. Unsere Schritte rascheln im Laub. Wenige Meter abseits des Gehwegs hält er an. „Das hier ist einer meiner Lieblingsplätze“, sagt er. Um uns herum ist Gestrüpp, vor uns ein kleiner Bachlauf. „Im Frühling, wenn alles grün ist, ist das hier ein richtig verwunschenes Paradies“, sagt er. „Dann ist das hier ein Gewusel aus Brombeergestrüpp. Das liebt vor allem der Zaunkönig. Er ist der zweitkleinste heimische Vogel, aber einer der lautesten. Den kann keiner imitieren.“ Im Reich des Zaunkönigs startet Uwe Westphals Führung durch den Harburger Stadtpark. Hier kommt er mit seinen Teilnehmern erst mal zur Ruhe. „Wenn man entspannt ist, dann hört man auch mehr, als wenn die Gedanken wirbeln“, sagt der gebürtige Hamburger. Wir machen gemeinsam eine Übung, schließen die Augen, horchen mit Hirschohren nach vorne, hinten, oben, links und rechts. Danach sind meine Sinne geschärft. Aber noch lange nicht so wie die von Uwe Westphal.

Wieder zurück auf dem Gehweg entdeckt er mit Adleraugen einen Bussard. Der Greifvogel kreuzt den Weg und fliegt auf einen hohen Baum. Wir schenken ihm nur kurz Aufmerksamkeit, denn schon wieder zeigt Westphal in die Landschaft. „Da vorne kommt jetzt ein kleines Gewässersystem, ganz weit hinten ist der große Außenmühlenteich. Das ist ein Stauteich, der für den Betrieb einer Wassermühle angelegt wurde. Die kleineren Teiche hier vorne werden von Quellwassertöpfen gespeist und frieren nie komplett zu.“ Auf dem See schwimmen Enten und Gänse, am Ufer sehe ich einen Fischreiher.

Aber es gibt noch viel mehr zu entdecken. Mit Uwe Westphal auf einen See zu schauen, ist, als würde sich einem eine Parallelwelt auftun. Die Enten werden zu Krickenten und Gänsesägern. Ich erfahre, dass Krickenten sich wie Stockenten, die sich auch optisch sehr ähneln, von Algen und Schnecken ernähren. Gänsesäger hingegen, die zwar ebenfalls zu den Entenvögeln zählen, mit ihren scharfen Schnäbeln unter Wasser Fische jagen. Sie sind nur auf der Durchreise und leben im Sommer in Skandinavien. Gleich drei Kormorane sitzen in einer Baumkrone nahe beim Wasser. Habe ich diesen pelikanartigen Vogel überhaupt schon mal in freier Wildbahn gesehen, frage ich mich. Plötzlich flattert etwas Blaues dicht an uns vorbei – schnell wie ein Wimpernschlag. „Das war ein Eisvogel. Man nennt ihn auch den blauen Edelstein. Er schießt ins Wasser, blitzschnell. Der Fisch hat keine Chance. Hat er ihn gefangen, haut er ihn noch mal auf einen Ast, damit er betäubt ist. Er frisst ihn immer Kopf voran, damit die Schuppen nicht sperren.“ Der Eisvogel galt lange Zeit als vom Aussterben bedroht. Sein größter Feind sind lange, kalte Winter. Mittlerweile gilt sein Bestand aber wieder als gesichert.

Schon als Elfjähriger nahm Uwe Westphal an einer Vogelführung der Harburger Volkshochschule teil. Unter der Leitung seines späteren Mentors, des Greifvogelberingers Alfred Jacob, besuchte er eine Reiherkolonie. Von da an war seine Begeisterung für Vogelkunde geweckt. Ungefähr zur gleichen Zeit entwickelt Westphal auch Spaß daran, seine Stimme zu verbiegen. Er bringt sich verschiedenste Pfeiftechniken und Kehllaute bei. Gaumen, Zunge, Zäpfchen – mit allem, was sich irgendwie im Mund bewegt, erzeugt er Geräusche. Seine Stimme wird sein Instrument. Seinen Mund nennt er „meine Flöte“. Uwe Westphal nimmt die Welt in erster Linie über die Ohren wahr. Seinem ausgesprochen guten Gehör verdankt er, dass er Laute so täuschend echt imitieren kann.

Während wir einen leichten Hügel erklimmen, zieht sich über uns der Februarhimmel zu. Die Wolken hängen tief, als wir über den Außenmühlenteich blicken. Einige schwere Baumstämme liegen am Wegesrand. Das Hamburger Gartenbauamt ist gerade dabei, alte Sichtachsen wiederherzustellen. „Aber das machen die hier sehr sanft. Würde man das Unterholz beseitigen, wäre das schlecht für das Vogelschutzgebiet“, sagt er. Bei seinen Führungen ist ihm wichtig, dass seine Teilnehmer mit Kopf und Herz bei der Sache sind. Er will ein ganzheitliches Natur­erlebnis bieten. Darum vermischt er Information, Imitation und Anekdoten. „Die Leute lernen so ganz nebenbei“, meint Uwe Westphal.

Als wir den Dahlengrund passieren, fängt es gewaltig an zu schneien. „Im Winter wird hier das Schilf an einigen Stellen gemäht, damit im Sommer etwa wild wachsende Orchideen wie das Breitblättrige Knabenkraut gedeihen können“, erklärt der Biologe, der nicht nur über Vögel, sondern auch Säugetiere und die Pflanzenwelt genau Bescheid weiß. Wir passen unsere Schritte dem schlechten Wetter an und marschieren zügig Richtung Parkausgang. Mittlerweile sind alle Tiere verstummt. „Morgens sind die Vögel immer am aktivsten. Ab Mai muss man nach 10 Uhr gar nicht mehr losgehen, da ist nur noch wenig zu hören.“ Unsere Schritte knarzen jetzt. Das liegt an den Eiskristallen auf dem Boden. Wir verabschieden uns hastig, weil der Schnee jetzt in Regen übergeht. Zurück an der Haltestelle muss ich nur kurz warten. Schon kommt schnaufend der Bus und fährt mich in die Stadt zurück.

Fotos: Peashooter/Pixelio.de (Eisvogel), Kurt Bouda/Pixelio.de (Enten), Sandra Kern (Westphal)

 

UWE WESTPHAL
Seit 1978 leitet der Biologe Uwe Westphal naturkundliche Exkursionen in Hamburg. Ob Möwenkolonien und Blütenpracht im Hamburger Hafen, Füchse und Uhus auf Friedhöfen, brütende Seevögel in Einkaufszentren und auf Baustellen, Kraniche und Adler, Hirsche und Wildschweine, Fledermäuse und Orchideen – Uwe Westphal zeigt mit seinen Expeditionen, dass die „wilden Hamburger“ mitten unter uns leben.
Mehr Informationen über Uwe Westphal finden Sie auf seiner umfangreichen Homepage: www.westphal-naturerleben.de

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