Einfach machen!

Analog und Digital

Ein Hit oder eine internationale Karriere ist den wenigsten Musikern vergönnt. Die meisten brauchen deshalb viel Idealismus. Um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, setzen sie auf das Prinzip „Do it yourself“, fast wie zu Zeiten des Punk. Doch heute wissen sie besser, wie man die unterschiedlichsten Quellen anzapfen kann.

Reportage: Heinrich Oehmsen
Collage: Andreas Homann

 

„Do it yourself“ hieß es in den 1960er Jah­ren. Aus England war diese Bewegung herübergeschwappt und „Marke Eigenbau“ fand auch in Deutschland viele Anhänger. Alles Mögliche wurde zu Hause zusammen gewerkelt, um Geld zu sparen, um die eigene Kreativität auszuleben und auch aus einem Misstrauen gegenüber Industrieprodukten. Auch in der Musikbranche hat das „Do it yourself“, abgekürzt DIY, eine lange Tradition. Unabhängige Labels gab es schon in den 1950er und 1960er Jahren wie das berühmte Sun-Label, das Elvis Presley herausbrachte, oder Stax und Motown, die weltbekannten Soul-Labels. Aber erst mit der Entstehung des Punk in den 1970er Jahren wurde daraus eine breite Bewegung. Die großen Plattenfirmen hatte kein Interesse daran, Geld in diese Musiker zu investieren, die sich sehr kritisch gegenüber dem Establishment und dem Profitstreben der Major Labels äußerten. Musiker wollten nicht mehr abhängig vom Votum eines A&R-Managers sein und nahmen die Produktion und den Vertrieb ihrer Platten selbst in de Hand. Ein Beispiel aus Hamburg für dieses DIY ist das Audiolith-Label, das Lars Lewerenz 2003 gegründet hat.

Lewerenz stammt aus der Hardcore/Punk-Szene, hatte bereits für ein paar kleine US-Labels gearbeitet, bis ihn Freunde dazu animierten, selbst eine unabhängige Plattenfirma auf die Beine zu stellen. „Die ersten drei Jahre habe ich alles von meiner Wohnung in Bahrenfeld aus gemacht. Durch einen glücklichen Zufall bin ich dann 2006 in einem Büro im Karostar gelandet. Audiolith ist ganz langsam gewachsen. Inzwischen sind wir eine GmbH mit fünf festangestellten Mitarbeitern und zwei Praktikanten und zwei Büros in Hamburg und Berlin“, erzählt Lewerenz. 40 bis 50 Künstler betreut seine Firma. Audiolith veröffentlicht Alben, bucht Tourneen für seine Bands, kümmert sich um Merchandise und die immer wichtiger gewordenen sozialen Netzwerke, dem wichtigsten und billigsten Werbewerkzeug der Musikbranche. „Wir wollen mit unseren Künstlern langfristig und nachhaltig arbeiten. Der Blick auf das schnelle Geld ist grundfalsch“, sagt Lewerenz.

Es gibt auch eine Reihe von Musikern, die sich keinem unabhängigen Label anschließen, sondern ihr eigenes gründen, um völlig autark zu sein. Die in Hamburg lebende Musikerin Fee Kürten, die sich Tellavision nennt, ist so ein Beispiel. 2009 kam sie nach Hamburg, um an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) zu studieren und um Musik zu machen. Eine Gitarre, eine Loop-Station und ein Keyboard reichen der jungen Avantgarde-Musikerin aus. Ihr erstes Konzert gab sie 2010 beim Platzfestival in der Schanze, inzwischen wird sie für größere Festivals gebucht, hat unter anderem auf dem Dockville gespielt und war im Vorprogramm von Thurston Moores Band Chelsea Light Moving. „Es hat eine Zeit gebraucht, bis ich in Hamburg Leute getroffen habe, die musikalisch mit mir auf einer Wellenlinie lagen“, erzählt sie. Inzwischen hat sie ein Kollektiv um sich scharen können, das in verschiedenen Bands zusammen spielt und sich gegenseitig hilft. „Bloody Hands Limited“ hat sie es getauft.

Um ihr aktuelles Album „Funnel Walk“ zu finanzieren, hat Fee sich ein eigenes Crowdfunding-Projekt ausgedacht. Sie ist jedoch nicht auf die beliebte „Startnext“-Seite gegangen, sondern hat über ihre eigene Website Unterstützer gesucht. 3.500 Euro wollte sie in drei Wochen einnehmen, und sie hat ihr Ziel erreicht. Alles sollte wirklich handgemacht ein. Sie hat Poster gefertigt, T-Shirts und Jutebeutel bedruckt, es gab ihre Musik als Download, CD oder als Vinyl. „Diese Produkte habe ich in verschiedenen Paketen angeboten, die zwischen fünf und 50 Euro gekostet haben“, sagt sie. Hauptattraktion war ein Liveauftritt, den Interessenten für 400 Euro kaufen konnte. Auch der ging weg, Tellavision musste dafür im Golden Pudel Klub spielen, nicht gerade die schlechteste Adresse in Hamburg. Immerhin drei Labels wollten ihr Album „Funnel Walk“ herausbringen, aber Fee lehnte alle drei Angebote ab, weil sie zu viele Kompromisse hätte eingehen müssen.

Andere Künstler haben über die Crowfunding-Plattform „Startnext“ versucht, Geld für ihre Projekte zu akquirieren. Der Singer-Songwriter Lukas Droese zum Beispiel konnte mit 2.000 Euro seine nächste EP finanzieren und hat das Ziel innerhalb der vorgegebenen Zeit erreicht. Auch er hat schon eins von vier Privatkonzerten verkauft, die ihm immerhin 450 Euro garantieren. Auch Ben Schadow, ein umtriebiger Hamburger Musiker, der unter anderem in der Band von Bernd Begemann spielt, versucht über „Startnext“ sein nächstes Album zu finanzieren. Besonders freigiebig sind Musikfans gerade beim Erhalt der Hasenschaukel, einem kleinen Folkclub an der Silbersackstraße. Schon nach wenigen Tagen haben die Betreiber die angepeilte Summe von 12.000 Euro erreicht, die ausreicht, um den Club im September kurz vor dem Reeperbahn Festival wieder zu eröffnen.

Das Prinzip des „Do it yourself“ gilt auch für viele Jazzmusiker. Für die musikalische Entwicklung jedes Instrumentalisten ist die Begegnung mit anderen Musikern wichtig, Jazzmusiker müssen spielen und improvisieren. Deshalb treffen sie sich zu Jam Sessions. Nach der Schließung des Birdlands in Eimsbüttel im vergangenen Jahr fiel die zentrale Anlaufstelle für diese Sessions weg. Inzwischen haben die Musiker aus der Szene, darunter viele Studenten der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, sich neue Orte gesucht und versuchen selbst Sessions und Konzerte zu organisieren. Hafenbahnhof (jeweils montags), Golem (dienstags), Music Club LIVE und Pony Bar (jeweils mittwochs), Club Keteke und Mojo Club (jeweils donnerstags), Nancy Tilitz Galerie und Bar Italia (jeweils freitags) sind zur Zeit die Orte, an denen Musiker sich regelmäßig zum Musizieren treffen können. Jeder dieser Clubs basiert auf der Eigeninitiative der Musiker. Zu verdienen ist mit Jazz kaum Geld, dafür ist die Musik zu sehr in eine Nische geraten. „Aber wenn sie alle wegen der Musik kommen, macht das Spielen dennoch Spaß“, sagt Gabriel Coburger. Der Saxofonist hat die Reihe Fat Jazz aus Idealismus ins Leben gerufen, die Anfang des Jahres von der Bar 227 unter der Sternbrücke ins Golem an den Hafen gezogen ist. Jeden Dienstag gibt es dort Jazzkonzerte, auch mit Musikern und Ensembles aus anderen Städten.

Ein paar Nummern größer ist das Wutzrock-Festival. Seit 1979 wird es umsonst und draußen von einer Bergedorfer Clique um das unabhängige Kommunikationszentrum Unser Haus e.V. am Eichbaumsee veranstaltet. Mehrere tausend Besucher kommen jedes Jahr an den idyllischen Ort in den Vier- und Marschlanden, um drei Tage lang friedlich zu feiern und Musik zu genießen. Beim Wutzrock haben schon eine Reihe von renommierten Bands gespielt wie Absolute Beginner, Deichkind, Turbostaat oder Panteon Rococo. Junge HipHop-Fans stehen hier neben Alt-Hippies, das Programm versucht eine große Bandbreite verschiedener Genres abzudecken. In diesem Jahr geht das Wutzrock-Festival vom 11. bis zum 13. Juli über die Bühne, als Bands sind unter anderem ZSK, Station 17 und Bersuit Vergarabat gebucht worden.

Noch nicht ganz so lange wie Wutzrock existiert ein anderes Umsonst-Festival in Harburg. Es ist allerdings ähnlich organisiert und nennt sich Keine Knete – trotzdem Fete. Das dreitägige Fest ist umsonst und draußen, es ist selbst organisiert, unkommerziell und politisch und verbindet Musik, Kunst, Workshop und Kino. Das Festival, 2004 gegründet, wird Am Radeland in Heimfeld über die Bühne gehen, nachdem der Bezirk Harburg den Aktivisten 2012 die Benutzung der Harburger Freilichtbühne untersagt hat. Das Gelände von „Keine Knete – trotzdem Fete“ gehört dem Metal-Fanclub „Tipsy Apes“. In diesem Jahr wird das kleine alternative Festival vom 25. bis zum 27. Juli gefeiert und sicher einigen DIY-Musikern eine Plattform bieten, die auf dem Sprung sind.

 

CROWDFUNDING
Der Begriff setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern „Crowd“ (die Menge) und „Funding“ (die Finanzierung). Das Konzept ist einfach: Wer eine Idee hat, stellt sie auf eine Internetplattform wie „starnext.de“ oder „visionbakery.de“ vor und gibt seinen Geldbedarf an. Wer die Idee gut findet, beteiligt sich daran. Indem viele Menschen eher kleinere Beträge geben, kommen so vergleichsweise große Summen zusammen. Sollte der Punkt, an dem die Realisierung möglich ist, nicht erreicht werden, bekommen die Geber ihr Geld zurück. Beim Crowdfunding gibt es keine monetäre Rendite. Wird ein Projekt finanziert, ist der Gewinn zum Beispiel eine Danksagung oder das fertige Produkt.

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