Hallo Zukunft

Alltag

Im optimistischen Szenario lebt Lotta in einer Wirklichkeit, wie man sie sich kaum besser wünschen kann. Dank technischer Innovationen können die Bedürfnisse aller Menschen befriedigt werden.

Text: Katharina Manzke
Fotografie: Till Gläser

„Was ist das, Mami?“ Kara sieht mit großen Augen zum Himmel. „Das kitzelt!“ Das kleine Mädchen kichert. „Schnee. Das ist Schnee, mein Schatz!“ Lotta drückt ihre Jüngste fest an sich. Seit neun Jahren hat es nicht mehr geschneit, Kara ist jetzt vier.

Heute ist ein besonderer Tag. Ein Feiertag, da sind sich Mutter und Tochter einig. Gut, dass Lotta heute nicht zur Arbeit muss. Gearbeitet wird nur an drei Tagen in der Woche, selbst an der Schule, an der sie unterrichtet. Nur die Krankenhäuser und die Polizeiwachen haben immer noch rund um die Uhr geöffnet. Andere Tätigkeiten haben sowieso die Maschinen übernommen. Die Menschen können endlich wieder durchatmen. Sich zurückbesinnen aufs Wesentliche – das ist das Motto von heute. Kein Trend, sondern eine unbedingte Notwendigkeit, die sich zwingend auswirkt, ohne dass die Regierung viel nachhelfen muss. Außer vielleicht durch das Verbot von nicht elektrischen Autos und die Einschränkung der Arbeitszeit auf drei Tage. Noch schneller, höher, weiter wäre nicht gegangen. Nicht nach dem großen Knall vor fünf Jahren …

Die Veränderungen waren mit Angst verbunden gewesen. Weniger zu wollen – oder weniger wollen zu müssen – bedeutet auch, weniger zu kriegen, das war die Formel, die alle verinnerlicht hatten. Dabei bleibt jetzt für alle viel mehr übrig. Manches von früher gibt es nicht mehr, aber Lotta hat genug, dass es für ein richtig schönes Leben reicht.

Sie lebt mit ihrer Familie in einer großen Hausgemeinschaft mitten in der Stadt, ein hoch technisierter Gebäudekomplex, dessen Modernität man ihm aber nicht ansieht. Sogar ein paar mit Stuck verzierte Fassaden von früher sind noch übrig geblieben. Der Innenhof, noch vor ein paar Jahren eine Asphaltwüste, ist jetzt ein großer Garten. Dort wachsen inzwischen auch wieder Gemüsesorten wie Erbsen und Tomaten. Sie sind für alle da. Ebenso wie der Strom, der über digitale Sonnenkollektoren gewonnen wird. Ihr Zuhause, das der inzwischen typischen Wohnform in der Großstadt entspricht, beweist, dass die Technik auch im positiven Sinn genutzt werden kann. Das zu optimieren ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen sein wird, aber Lotta hat das Gefühl, dass es von Tag zu Tag besser wird.

Ohne die Bereitschaft zu teilen würde es nicht funktionieren. In ihrer Hausgemeinschaft, in der fünfzig Menschen, die aus insgesamt zwanzig verschiedenen Nationen stammen, zusammenleben, machen das alle ganz gut, findet Lotta. Kara wächst vielsprachig auf und profitiert vom Besten der Kulturen. Jeder liebt das kleine Mädchen, selbst der alte Achim, der Griesgram. Außerdem gibt es noch zehn Hühner und einen Hahn, zwei Katzen, einen alten, zotteligen Collie und einen Arbeitsroboter, der das Unkraut jätet.

Ja, es ist alles genau richtig, wie es ist. Manchmal scheint es Lotta fast so, als habe die Welt tatsächlich doch noch mal die Kurve gekriegt. Würden denn jetzt tatsächlich die Jahreszeiten von früher wiederkommen? Als sie in den Himmel sieht, auf dem die Schneeflocken wild durcheinandertanzen, wird alles in ihr groß, weit und leicht.

„Mami, schau mal!“ Kara, die noch nie im Schnee gespielt hat, wirft ihr einen Schneeball entgegen. Die kleinen Hände sind ganz rot angelaufen. Sie hat nichts anzuziehen für das Kind, das sich für dieses Wetter eignet. „Wir müssen dir erst die passenden Kleider suchen“, sagt sie deswegen zu ihrer Tochter.

Drinnen klingeln Lotta und Kara an jeder Tür und verbreiten die frohe Botschaft vom Schnee, während sie passende Kleidung für Kara suchen. Bald wollen die meisten Hausbewohner mit ihnen zusammen ein Schneefest feiern. In den Gemeinschaftsräumen breiten sie gemeinsam mit den Nachbarn die Schätze aus: sieben dicke Wollpullis, fünf Schals, zwanzig Paar dicke Socken, acht Mützen, sieben Paar Winterschuhe und ein Paar Fäustlinge. Auch ein alter Schlitten ist dabei. Erstaunlich, dass die das alles aufgehoben haben, denkt sich Lotta. Auch, als prognostiziert wurde, dass es niemals mehr schneien wird. Für insgesamt zwanzig Leute wird die Kleidung nicht reichen. Trotzdem gehen alle raus, sogar Achim. Er trägt eine neonpink Pudelmütze. Kara hat den alten Schneeanzug von Annelie an, der ihr viel zu groß ist. Annelie ist inzwischen sechzehn und trägt drei Pullis übereinander. Lotta nimmt in Kauf, dass sie friert. Sie freut sich viel zu sehr, als dass ihr das etwas ausmachen könnte.

Nach einer ausgiebigen Schneeballschlacht sitzen sie drinnen am elektrischen Kachelofen und trinken heiße Limonade. Jeder erzählt dazu seine liebste Wintergeschichte von früher.

„Ihr habt vielleicht was verpasst!“, begrüßt Lotta zwei Stunden später ihren Mann Enno und ihren Sohn Lukas, als diese durchgefroren zur Gruppe stoßen. „Ihr aber auch!“, sagt Enno grinsend und Lukas klärt kurz darauf auch alle auf: „St. Pauli hat schon wieder gewonnen. Nächste Woche geht’s gegen die Bayern ins Champions-League-Finale.“ Nach dieser Nachricht wird noch eine halbe Flasche Schnaps in den Punsch gekippt und Wassily holt sein Akkordeon. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen in der Emilienstraße 29 im Jahr 2030.


Zeitreise mit Lotta: Geburtstag und Heute Morgen

 


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