Science Talent

„Alle Menschen haben das Zeug zum Überflieger.“

Woher kommen unsere Begabungen? Und wie findet man sie? Der Hirn­-forscher Gerald Hüther erkundet seit über dreißig Jahren menschliche Potenziale. Er untersucht, wie sich bestimmte Faktoren auf unser Gehirn auswirken. Und stellt mit seiner Forschung die althergebrachten Vorstellungen auf den Kopf…
Ein Essay

Text: Gerald Hüther
Foto: josef fischnaller

 

Es ist schwer von der Hand zu weisen: Jedes Kind ist in der Lage, sich all das von anderen Menschen anzueignen, was es braucht, um sich im Zusammenleben mit diesen anderen zurechtzufinden und zu einem Mitglied einer Gemeinschaft zu werden. Selbstverständlich gibt es Kinder, denen das besser gelingt als anderen, die bestimmte Fähigkeiten herausbilden, die andere Kinder sogar bei optimaler Förderung nicht zustande bringen. Wenn es sich dabei um etwas handelt, was von den Mitgliedern der betreffenden Gemeinschaft zu diesem Zeitpunkt ihrer kulturellen Entwicklung besonders geschätzt und hoch bewertet wird, gehen wir davon aus, dass dieser Leistung eine besondere Begabung zugrunde liegt und betrachten solche Kinder als hochbegabt.

Was einleuchtet, ist nicht immer zutreffend

Wer so etwas Besonderes zustande bringt, glauben wir, muss schon mit dieser besonderen Begabung zur Welt gekommen sein. Wir denken, es müsse über eine besondere Vernetzung im Gehirn verfügen. Und weil wir keine Idee davon haben, wie eine derartige besondere Vernetzung herausgebildet wird, machen wir die Gene dafür verantwortlich. Das klingt ziemlich plausibel, denn in manchen Familien häufen sich besondere Begabungen. Dies spricht dafür, dass sie vererbt werden. Und wenn so etwas erblich ist, glauben wir automatisch, es seien bestimmte Gene, die das betreffende Merkmal von den Eltern auf ihre Kinder übertragen. Wie das geht, hat ja jeder irgendwie in der Schule mitbekommen, als die Mendel’schen Erbregeln behandelt wurden. Was bei Erbsen und Kaninchen funktioniert, denken wir, müsse wohl so ähnlich auch für die Herausbildung besonderer Begabungen von Menschen gelten. Schließlich werden ja auch andere Merkmale, wie zum Beispiel die Farbe der Iris, vererbt.

Das ist auf den ersten Blick auch nachvollziehbar. Und diese Erklärung hat bisher auch fast allen ausgereicht. Sie war einfach, einleuchtend und bequem. Dass Kindergehirne keine Erbsen sind und dass das, was dort passiert, nicht so einfach organisiert sein kann wie das Zustandekommen einer bestimmten Fellfärbung bei Kaninchen, hat bisher kaum jemanden gestört. Inzwischen wissen wir aber, dass Gene nur in der Lage sind, die Leistungen von Zellen zu steuern, nicht aber deren Zusammenwirken. Im Gehirn kommt es aber weniger darauf an, ob Nervenzellen besondere Eiweiße herstellen oder besondere Leistungen vollbringen können. Es kommt darauf an, wie sie zusammenwirken und miteinander verknüpft sind. All das kann ja gar nicht durch Gene reguliert werden. „Nutzungs- oder erfahrungsabhängige Neuroplastizität“ heißt das Phänomen, das umschreibt, was die Entwicklungsneurobiologen in den letzten Jahren in mühevoller Kleinarbeit herausgefunden haben. Es bedeutet nichts anderes, als dass das Gehirn so wird, wie man es benutzt.

Wenn man etwas verstanden hat, lässt es sich auch erklären

In der frühen Phasen der Hirnentwicklung kommen die ersten Signalmuster, anhand derer sich die ersten Verschaltungsmuster im Gehirn strukturieren, aus dem Körper des Fötus. Hat ein Kind schon vorgeburtlich sehr große Extremitäten, so wird in seinem Gehirn ein für die Steuerung dieser großen Arme und Hände optimales Netzwerk an Vernetzungsoptionen angelegt. Sind die Extremitäten eines Embryos eher klein und filigran, entsteht ein entsprechendes, für deren Steuerung optimal geeignetes Netzwerk. Nach der Geburt wird man dann beobachten können, dass jedes dieser beiden Kinder etwas anders greift und zugreift. Im Kindergarten wird dann das eine Kind beispielsweise mit der Schere besser eine Papierschablone ausschneiden können als das andere. Und weil das praktische Greifen mit den Händen nur die Vorstufe für das spätere gedankliche Begreifen ist, wird irgendwann die Lehrerin in der Grundschule feststellen, dass sich beide Kinder auch darin unterscheiden, wie schnell sie komplexe und abstrakte Zusammenhänge begreifen. Im Gespräch mit der Mutter kommt man anschließend wahrscheinlich darauf, dass Fritzchen seine Begriffsstutzigkeit vom Vater geerbt haben müsse. Was Fritzchen aber von seinem Vater genetisch vererbt bekommen hat, ist kein Gen für Begriffsstutzigkeit, sondern die genetischen Anlagen für die Herausbildung ziemlich großer Arme und Hände.

Jedes Kind kommt also mit Vernetzungen in seinem Gehirn zur Welt, die genau zu seinem Körper „passen“. Und weil jedes Kind einen jeweils einzigartigen Körper ausbildet, bekommt es eben auch ein ganz besonderes, ein einzigartiges Gehirn. Bis auf eineiige Zwillinge. Die haben sehr ähnliche körperliche Merkmale, anhand derer sich dann auch ihr Gehirn in sehr ähnlicher Weise strukturiert.

Was angeboren ist, muss nicht genetisch vererbt sein

Jedes Kind hat aber, wenn es geboren wird, nicht nur all jene Vernetzungen in seinem Gehirn herausgebildet und stabilisiert, die es braucht, um die in seinem Körper ablaufenden Prozesse und Reaktionsmuster zu steuern. Es hat auch vorgeburtlich schon eine ganze Reihe Erfahrungen mit seiner Mutter gemacht.

Die damit einhergehenden Sinneseindrücke und Wahrnehmungen haben ebenfalls zur vorgeburtlichen Stabilisierung bestimmter Verschaltungsmuster in seinem Gehirn beigetragen. Schon im Mutterleib kann ein Kind Erfahrungen machen, die es mit Gefühlen verknüpft. Wenn die Mutter zum Beispiel Angst vor dem Vater hat, spürt der Fötus das. Die Bauchdecke der Mutter zieht sich während des Streits zusammen, Stresshormone werden ausgeschüttet, das Herz rast. Das Kind wird zusammengedrückt, es hört die schnellen Herztöne der Mutter und die laute Stimme des brüllenden Vaters. Der Fötus erstarrt. Diese Erfahrung wird im Gehirn abgespeichert. Nach der Geburt verfällt das Kind dann automatisch in eine ähnliche Erstarrung, wenn die Stimme des Vaters eine ähnliche Färbung annimmt. Umgekehrt kann man sich vorstellen, dass beispielsweise Mozarts Mutter sich immer dann besonders wohl fühlte und bei Stress entspannte, wenn ihr Mann musizierte. Der kleine Mozart in ihrem Bauch bekam dann mehr Raum zum Bewegen und Atmung und Herzschlag der Mutter wurden harmonischer. Vielleicht streichelte und wiegte sie dabei sogar liebevoll ihren Bauch. Das Erleben von Musik wurde so bei ihrem ungeborenen Kind mit einem angenehmen Gefühl verkoppelt. Kein Wunder also, dass Amadeus auch nach der Geburt immer dann, wenn er dieses Gefühl wieder erlebte, verzückt war.

Begabungen können auch Kompensationen für Defizite sein

Freilich gibt es auch Kinder, deren Gehirn sich unter besonderen Bedingungen herausbilden musste, wie zum Beispiel einer spezifischen Beschaffenheit ihres Körpers, oder unter ungünstigen, die normale Entwicklung des Körpers oder des Gehirns störenden Einflüssen. Solche Kinder fallen später dadurch auf, dass sie bestimmte Leistungen, die andere Kinder problemlos erbringen, nur sehr langsam und auch nur in begrenztem Umfang ausbilden. Sie kommen mit einem angeborenen Handicap zur Welt. Allzu leichtfertig bezeichnen wir sie als „Behinderte“. Zum Bespiel Menschen, die keine Arme oder nur Armstummel besitzen, weil sie vorgeburtlich durch das Medikament „Contergan“ geschädigt worden sind. Haben Sie schon einmal beobachtet, was diese Kinder mit ihren Beinen und Füßen zuwege bringen? Das ist ganz und gar außergewöhnlich, also auch eine besondere Begabung. Haben Sie schon einmal beobachtet, zu welchen Leistungen taube oder blinde Menschen in der Lage sind? Wie anders als außergewöhnlich soll man die Fähigkeiten bezeichnen, die dieser Kinder als Kompensationsleistungen entwickeln, um sich trotz ihres Handicaps in der Welt zurechtzufinden? Und wie viele diese Kinder haben sich später zu ganz besonderen Menschen entwickelt, die wir als begnadete Erfinder, Künstler oder Wissenschaftler bewundern?

Immer wieder gibt es außergewöhnliche Denker, die Probleme gelöst haben, an denen sich Experten vergeblich die Köpfe zerbrochen haben, die andererseits aber nicht in der Lage waren, sich im normalen Leben zurechtzufinden. Sie alle hatten ein Handicap, das sie durch ein außergewöhnlich gut ausgebildetes analytisches Denken mehr oder weniger gut zu kompensieren imstande waren: Ihnen mangelte es an emotionaler Sensibilität, sie konnten sich schon als Kinder nur schwer in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinversetzen. Albert Einstein soll auch so einer gewesen sein. Bei den sogenannten „Savants“, also autistisch veranlagten Menschen, lässt sich dieses Phänomen in noch stärkerer Ausprägung beobachten: Sie können sich so gut wie alles merken, aber finden sich im sozialen Leben einfach nicht zurecht. Auch das ist, wenn man so will, eine besondere Begabung.

Begabungen entstehen aus der subjektiven Zuschreibung von Bedeutsamkeit

Wie unterschiedlich die Bedingungen auch sein mögen, unter denen sich das kindliche Gehirn strukturiert, die Herausbildung einer besonderen Begabung folgt immer dem gleichen Prinzip: Es muss für die Person als Fötus oder in der frühen Kindheit besonders bedeutsam sein, diese betreffende Fähigkeit und die dieser Fähigkeit zugrunde liegenden neuronalen Vernetzungen herauszuformen. Deshalb müssen wir, um die Entstehung einer besonderen Begabung zu verstehen, eine entscheidende Frage stellen: Was war für das betreffende Kind im Verlauf seiner bisherigen Entwicklung besonders wichtig? Was hat ihm besonders geholfen und deshalb dazu geführt, dass sich diese besonderen Verschaltungen in seinem Gehirn herausbilden konnten?

Neben den Signalen des eigenen Körpers und denen der Mutter noch im Mutterleib ist für das Kind all das bedeutsam, was „unter die Haut“ geht und ein Gefühl in uns auslöst. Es ist zwar wichtig, welches Problem, welche Störung oder Bedrohung dieses Gefühl ausgelöst hat. Aber weitaus bedeutsamer ist die Lösung, die wir gefunden haben, um uns zu retten. Oder eine Gefahr abzuwehren oder uns im Leben zurechtzufinden versuchen.

Immer dann, wenn uns das gelingt, bringen wir nach einer Störung gewissermaßen wieder „Ordnung“ in unser Gehirn. Neurobiologen bezeichnen dies als Wiederherstellung von Kohärenz. Sie meinen damit nichts anderes, als dass alles, was eben noch Durcheinander gewesen war, nun wieder in Einklang kommt. Wenn wir also eine Lösung für ein Problem finden, werden in unserem Gehirn die sogenannten „emotionalen Zentren“ aktiviert. Das sind neuronale Netzwerke im Mittelhirn mit Nervenzellen, deren Fortsätze sich weit in andere Hirnbereiche erstrecken. Wenn es zu einer Erregung dieser emotionalen Zentren kommt, werden diese besonderen neuroplastischen Botenstoffe ausgeschüttet, die wie Dünger auf die zur Lösung eines Problems genutzten Netzwerke in den höheren Bereichen des Gehirns wirken. So kommt es zu einer, man könnte sagen „durch die Freude an der gefundenen Lösung“ ausgelösten Verstärkung und Verbesserung derjenigen Verschaltungsmuster im Gehirn, die zu dieser Lösung erfolgreich eingesetzt wurden. Deshalb werden wir immer besser bei der Aneignung bestimmter Fähigkeiten, je mehr Freude wir dabei empfinden. Diese Freude kann man jedoch weder anordnen noch erzeugen. Sie kann jeder Mensch nur selbst empfinden. Und das erlebt jeder Mensch nur dann, wenn ihm etwas wirklich wichtig, eben bedeutsam ist.

GERALD HÜTHER
Prof. Dr. Gerald Hüther zählt zu den renommiertesten Neurobiologen Deutschlands. Er wurde 1951 in Gotha geboren, hat in Leipzig studiert und in Jena promoviert. Er ist Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg.
www.gerald-huether.de

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