Einfach machen!

Konstruieren statt Konsumieren

Van Bo Le-Mentzel ist 36 Jahre jung, Architekt, verheiratet, Vater eines Sohnes und ein Berliner. Einem breiteren Publikum ist er durch sein Projekt Hartz-IV-Möbel bekannt geworden. Seine Baupläne zum Download ermöglichen auch Menschen mit wenig Geld, ein schönes modernes Möbelstück selbst bauen zu können. Van Bo will mit seinen Projekten neue Formen des Wirtschaftens ergründen, weil er glaubt, dass der bisherige Kapitalismus mit dem ewigen
Wachstum nicht mehr in unsere Zeit passt. Darüber und über seine Sicht auf die Volks­hoch­schule sowie viele andere Themen hat ACHT mit Van Bo Le-Mentzel gesprochen.

Interview: Kerstin Estherr, Pawel Sprawka
Fotos: Tina Linster, Daniela Gellner

 

Herr Le-Mentzel, kann man mit Design die Welt humaner machen kann?
Mich stört der Begriff Design. Er ist etwas abgenutzt. Ich benutze lieber das Wort Gestaltung. Und ja, mit einer verführerischen Gestaltung lässt sich die Welt humaner machen. Ich glaube schon, dass die Art, wie die Dinge um uns herum gestaltet sind, einen großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Welt haben.

Wollen Sie mit Ihren Projekten die Welt verändern?
Ja. Es gibt in Deutschland eine Eigenart, dass die Bezeichnung „Gutmensch“ negativ gemeint ist. Es ist absurd, dass ein Mensch, der etwas Gutes machen will, sich eventuell dafür rechtfertigen muss. Ich bin aber so ein „Gutmensch“. Ich sehe wirklich meinen Lebenszweck darin, anderen Leuten etwas zu geben. Das hat vielleicht mit meiner Biografie zu tun, weil ich aus einer Flüchtlingsfamilie komme. Und mir wurde hier in Deutschland sehr viel gegeben. Vielleicht habe ich deswegen das große Bedürfnis, anderen Menschen etwas zurückzugeben. Ich bin der Meinung, dass wir mit unserer begrenzten Lebenszeit etwas wirklich Sinnvolles anfangen sollten. Und an einer besseren Welt zu arbeiten ist etwas Sinnvolles.

Sie haben gerade erzählt, dass Sie als Flüchtling nach Deutschland gekommen sind. Hat diese Erfahrung Ihre Arbeit beeinflusst?
Unbedingt. Es ärgert mich unglaublich, dass Menschen wie ich, also Flüchtlinge, hier nicht sein dürfen, weil sie unerwünscht sind. Oder dass in unserer Gesellschaft bestimmte Gruppen sozial oder kulturell benachteiligt werden. Das ist eine traurige Realität. Diese benachteiligten Menschen könnten aber einen großartigen Beitrag zu deutscher Kultur und zu einem besseren Leben in Deutschland leisten. Das Gefühl, die Ungerechtigkeiten beseitigen zu wollen, das ist bei mir der Antrieb, Dinge zum Besseren verändern zu wollen.

Sie sagen, dass „selber bauen“ glücklich mache. Was meinen Sie damit?
Ich glaube, es steckt in unserer Natur, dass wir etwas mit unseren Händen oder Gedanken bauen wollen. Es wurde uns in den letzten Jahrzehnten eingeredet, dass es besser ist zu konsumieren statt zu konstruieren. Dass es normal ist, nur zu konsumieren: Essen, Bildung, Urlaub und sogar Menschen. Dieses Verhalten hat dazu geführt, dass uns das eigene Denken abtrainiert wurde. Und dieses Denken überträgt sich auch auf die Politik: Alle vier Jahre darf gewählt werden, aber bitte keine Volksentscheide einführen. Ich habe das Gefühl, dass das selbstständige Denken von den Mächtigen in unserer Gesellschaft nicht erwünscht ist.

Was meinen Sie mit der Forderung „konstruieren statt konsumieren“?
Man kann in allen Bereichen konstruieren. Man kann einen Stuhl konstruieren oder einen Schuh gestalten. Man kann sich aber auch fragen, wie die Produkte des täglichen Bedarfs nachhaltiger und menschlicher produziert werden. Man kann die Missstände konstruktiv kritisieren und versuchen, neue Lösungen zu finden. Zum Beispiel, indem man bewusster kauft und nicht einfach nur stupide konsumiert. Oder die Dinge einfach selber baut, repariert, erneuert, modifiziert, wieder verwertet.

Sie beziehen sich bei Ihrer Arbeit auf den Grundgedanken der Volkshochschule „Lebenslanges Lernen“. Stimmt das?
„Lebenslanges Lernen“ ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Die Bildung endet nicht mit der Schule, der Berufsausbildung oder dem Studium, denn das Gehirn ist eigentlich immer an. Die Volkshochschule ist für mich aber auch aus einem anderen Grund sehr interessant. Ihre Idee ist nämlich einmalig und zeitlos. Für den Wegbereiter der Volkshochschulbewegung, den dänischen Philosophen und Pädagogen Nikolai Frederik Severin Grundtvig, sollte Bildung für alle möglich sein, unabhängig von der gesellschaftlichen Position der Menschen. Er wollte die Bildung demokratisch gestalten. Das war zu damaliger Zeit revolutionär. Heute ist dieses revolutionäre Erbe leider vielen Menschen nicht mehr bewusst. Ich finde aber, dass wir uns unbedingt an diese Ideen erinnern sollten, um über neue gesellschaftliche Ansätze nachdenken zu können.

Sind die Menschen denn für solche Ideen aufnahmebereit?
Ja, das ist meine tägliche Erfahrung. Mir ist aufgefallen, dass die Menschen, die sich für meine Projekte interessieren und mich unterstützen, Menschen sind, die sich im Umbruch befinden. Sie hinterfragen sich selbst, ihr Leben und die Gesellschaft. Sie suchen etwas. Und mein Eindruck ist, dass diese Gruppe immer größer wird, weil viele Menschen mehr wollen. Sie wollen nicht nur funktionieren. Sie wollen etwas Sinnvolles machen. Etwas, das auch anderen Menschen dient.

Was bedeutet für Sie das Wort „Hartz IV“?
Es ist ein Schimpfwort. Es ist eines der hässlichsten Worte, die es in Deutschland gibt. Und das war auch der Grund, weswegen ich es für mein Projekt „Hartz IV-Möbel“ gewählt habe. Ich wollte zwei Dinge zusammenbringen. Einmal etwas, das die Deutschen hassen und wovor sie Angst haben, und dann das Schönste, etwas, das die Deutschen lieben. Die Deutschen lieben Einrichtungen und Möbel. Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich die beiden Sachen zusammenbringe, welche Reibungen da entstehen werden.

Wie ist es zu dem „Hartz-IV-Möbel“-Projekt gekommen?
Auf die Idee bin ich bei einem Tischlerkurs der Berliner Volkshochschule gekommen. Das war ein Drei-Tage-Kurs. In diesen drei Tagen habe ich einen Stuhl gebaut. Den Stuhl habe ich „24 Euro Chair“ genannt, weil er nur 24 Euro gekostet hat. Ich fand es toll, dass jeder sich so einen Stuhl bauen kann. Und ich dachte mir, ich könnte meine Ideen dazu in einem Buch zusammenfassen. Es ist ein Bastelbuch für alle geworden, die mit wenig Geld, Möbel bauen können. Zugleich sehe ich das Buch auch als ein Manifest für eine demokratische Gestaltung.

Das ist ein gutes Stichwort. Sollte Gestaltung demokratisch und für alle erschwinglich sein?
Unbedingt. Nicht nur die Gestaltung. Alle Güter sollten für alle erschwinglich sein. Die Menschen sollten selbst demokratisch entscheiden, wie sie mit ihren Gütern umgehen. Und dazu gehört auch die Frage: Wer macht die Güter? Wer bestimmt zum Beispiel die Gestalt von einem Stuhl. Nur ein Designer oder ein Ingenieur? Ich bin der Meinung, dass der Mensch, der den Gegenstand benutzt, auch darüber entscheiden müsste, wie er aussehen soll. Und die beste Mitsprachemöglichkeit besteht darin, es einfach selbst zu machen.

Der Gedanke des „Do it yourself“ ist für Sie also ganz wichtig?
Ja. Dieser Gedanke war in den 1970er Jahren sehr präsent in der Gesellschaft. Dann wurde es ruhiger um ihn. Jetzt erlebt er eine Renaissance. Es ist aber zugleich ein Paradigmenwechsel, weil wir heute auf einmal selbst Energie erzeugen können. Oder hochkomplexe Technik mit einer Anleitung aus dem Netz bauen können. Wir sind nicht mehr abhängig von den großen Konzernen. Und von daher ist die „Do it yourself“-Idee eine großartige Methode, um die Menschen souveräner zu machen. Deswegen ist die Idee auch hochpolitisch.

Sind Sie mit Ihren Ideen eine Gefahr für die Großunternehmen?
Große, auf Wachstum ausgerichtete Unternehmen wie Nike, Vitra oder Ikea mögen mich wirklich nicht. Weil ich gegen ein sinnloses Wachstum bin. Die Menschen, die in diesen Unternehmen arbeiten, sind jedoch meist sehr intelligent und empathisch. Sie mögen meine Projekte und würden das auch gerne machen. Aber ihre Firmen erlauben es ihnen nicht, nachhaltig und ressourcen­schonend zu arbeiten.

Wie wichtig ist das Crowdfunding für Ihre Projekte?
Crowdfunding ist für mich die demokratischste Form der Kapitalbeschaffung. Es ist für mich die einzige in Frage kommende Finanzierungsform. Vor Crowdfunding war man von Banken oder Unternehmen abhängig, wenn man eigene Projekte finanzieren wollte. Jetzt ist es nicht mehr so. Bei Crowdfunding entscheiden die Menschen und nicht irgendwelche Chefs von Banken oder Unternehmen, ob sie ein Projekt unterstützen möchten. Das Crowdfunding ist genial und revolutionär.

An welchen Projekten arbeiten Sie im Moment?
Ich arbeite gerade daran, meinen Arbeitsplatz abzuschaffen. Ich bin in einer Architekturfirma beschäftigt. Ich mag diese Firma sehr, aber ich sehe die Zwänge, in die jede Firma gerät, wenn sie eine bestimmte Größe erreicht hat. Sie muss weiter wachsen, der Gewinn muss gesteigert werden, die Leute wollen mehr Geld verdienen usw. Und ich möchte meiner Firma dabei helfen, diesen Weg nicht zu beschreiten. Ich dachte, ich fange mit mir selbst an und sage, dass ich kein Geld von meiner Firma haben möchte. Ein Jahr lang verzichte ich auf mein Gehalt, arbeite aber weiterhin für meine Firma. Daneben würde ich gerne auch andere Projekte anstoßen und zum Beispiel eine Karma-Bank eröffnen, wo keine Zinsen erhoben werden. Ich würde gerne das Kita-System erneuern oder neue Mobilitätskonzepte entwickeln. Ich habe noch viele andere Ideen im Kopf.
Ich muss aber in dieser Zeit von etwas leben. Deswegen dachte ich mir, dass ich Leute suchen werde, die mir dieses Jahr finanzieren werden. Es ist ein Experiment. Ich nenne es „demokratisches Stipendium“. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass es Menschen gibt, die gerne arbeiten. Ich gehöre dazu. Ich glaube, dass wir, wenn wir uns von den Abhängigkeitsverhältnissen lösen, freier und kreativer werden können. Wenn wir keine Angst um den Arbeitsplatz haben, dann können wir genialer werden. Deswegen suche ich 52 Stifter, die mich im nächsten Jahr bei meinem Projekt des „demokratischen Stipen­diums“ unterstützen werden.

Das sind tolle Aussichten für das nächste Jahr. Und was ist das Schönste, das Sie in diesem Jahr erlebt haben?
Die Geburt meines Sohnes. Aber der ist ja im letzten Jahr geboren. In diesem Jahr … ja, das war die Kirschblüte, die ich vor wenigen Tagen gesehen habe. Ein Kirschbaum steht in der Nähe meiner Wohnung. Das ganze Jahr über ist der Baum völlig unscheinbar. Doch dann zeigt er für wenige Tage seine ganze Schönheit. Das erinnert mich daran, dass nicht immer alles, was man macht, sofort sichtbar ist. Man muss Geduld haben, dann wird man auch belohnt.

VAN BO LE-MENTZEL
ist 1977 in Laos geboren und 1979 nach Deutschland geflohen. Er absolvierte erfolgreich sein Architekturstudium an der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Van Bo Le-Mentzel ist Initiator mehrerer Projekte wie z. B. „Underground Classic“, bei dem U-Bahn-Musiker auf Musiker der Deutschen Oper treffen. Seit fünf Jahren arbeitet er als Stratege bei der Kreativagentur „dan pearlman“ im Bereich Markenarchitektur.
Anfang 2010 absolvierte der junge Architekt erstmals einen Tischler-Wochenendkurs an der Berliner Volkshochschule, bei dem er den „24 Euro Chair“ erfand. Zunehmend an Bekanntheit gewann er durch die Entwicklung der „Hartz-IV-Designermöbel“ zum Selbstbau mit geringem Kostenaufwand und durch sein erfolgreiches Crowdfunding-Projekt zur Finanzierung des „Hartz-IV-Möbelbuchs“ auf „startnext.de“.
Weitere Infos unter:
www.hartzivmoebel.blogspot.de
www.facebook.com/buildmorebuyless

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