Glosse Spielwiesen

Spielplatz 53° 33′ 43.513″ N 9° 57′ 51.901″ E

Text: Esther Mangold

 

Früher war alles überschaubar: Da wurden Hamburger Geschäfte und Firmen stolz mit dem eigenen Namen tituliert. Das war klar und einfach. Tante Emma war Tante Emma, Schlachter Hinrichs war Hein Hinrichs und Aal-Dieter … na ja, der ist sogar heute noch Aal-Dieter.

Jetzt ist alles anders. Neu, global und irgendwie lokal. Es weht ein smarter Stolz: Wir sind Elbe-, Alster-, Hanse-, -irgendwas. In jedem Fall sind wir eines ganz besonders deutlich: Hamburger! Und das sollen bitte alle Nichthamburger in Berlin, Frankfurt, München sofort merken – allen voran die Touristen. Denen zeigen wir es aber richtig! Einmal die Elbbrücken überquert, gibt es kein Entkommen mehr! „Herein“, ruft schon die Elbphilharmonie von Weitem und lässt ihr Antlitz über dem Venedig des Nordens in der manchmal vorhandenen Sonne glitzern. Hier geht was! Wer hier nicht selbst eine „Alsterblick“- oder „Elbgold“-Immobilie besitzt, kann durchaus gut im Hotel „Außenalster“ absteigen, im „Alsterhof“ oder „Hotel Hafen Hamburg“ ein „Clipper-Elb-Lodge“-Appartement buchen oder 25 hours im „Hafencity Hotel“ verbringen. Wir Hamburger haben es gut, wir wohnen hier. Wir füttern zwar nicht die Hotels an, aber unsere Vermieter, die mittlerweile kriminellexorbitante Mieten von uns verlangen. Natürlich jammern wir, doch wir zahlen gerne – denn wir sind Hamburg und das zeigen wir eifrig: Wir tragen stylishen Marine-Look oder Rot/Weiß – die Farben unserer Heimatstadt, oder ein Shirt mit Burg und Anker von 53°. Wasserratten sind wir qua Geburt, deswegen sind geografische Koordinaten für uns selbstredend Umgangssprache.

Unsere Elbkinder statten wir bei „Hansekind“ aus, kaufen im „Elbe-EKZ“ ein, unsere Boote bestellen wir auf der „Hanseboot“. Damit schippern wir dann auf unserer Alster oder Elbe. In der „Alsterperle“ sitzen wir mit einem Aperol-Spritz oder am Elbufer in der „Strandperle“ und schwärmen die Hafenkräne in der untergehenden Sonne an, in der Hand ein „Astra“ oder eine Flasche „elbPaul“ aus Eimsbüttel. Das Etikett: weiß-blau mit Seil und Anker. Die Zielgruppe: „Freibeuter, kernige Holzbeinträger und seute Deerns im Heimathafen“. Wir Lokalpatrioten! Kultur genießen wir auch im Theater an der Elbe und im Elbe-Kino.

Aber unsere hanseatische Spielwiese bietet noch mehr. Wir tragen Brillen von „Hamburg Eyeware“, gekauft bei „Alster-Optik“, im „Elb-Gym-Fitnesscenter“ wird unser Körper gedrillt und bei „Alster-Physio“ massiert. Einige hören „Alster-Radio“ auf dem Weg in die Werbeagentur an der Elbchaussee. Der Kaffee sollte aus einer Heimatrösterei kommen: „Elbgold“ hält die richtige Bohne parat. Dazu ein Franzbrötchen vom „Hansebäcker“. Die Haare richtet „Elbhaar“, die Hochzeit fotografiert „hafenliebe“. Die Blumen kommen von „Alster-Floristik“. Gefeiert wird im „Alstercliff“. OPs können in der „Alster-Klinik“ gebucht werden, die Pflege übernehmen „Heimathafen-“ oder „Alster-Pflege“. Gestorben wird freilich wie überall, aber die Bestattung übernimmt natürlich – „Alster-Bestattungen“. AHOI!

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